Inside: Toyota
Die Kehrseite der Größe

Auch ein Riese ist verletzlich. Diese schmerzliche Erfahrung muss derzeit der japanische Autokonzern Toyota durchmachen. Die Japaner gelten eigentlich als Nonplusultra der Automobilindustrie, besonders in der Produkt-Qualitat. Und darüber hinaus hat sich Toyota in den vergangenen Jahrzehnten vor allem wegen seiner guten Produkt-Qualität immer neue Käuferschichten erschlossen. Doch die Qualität ist inzwischen genau der Punkt, an dem es ganz massiv kneift.

DÜSSELDORF. Doch die Qualität ist inzwischen genau der Punkt, an dem es ganz massiv kneift. Erst ein Fahrzeugrückruf in den USA, jetzt ein neues Reparaturproblem in Europa. Und ganz schlimm ist es in Japan: Dort besteht sogar der Verdacht, Toyota habe Probleme bei ausgelieferten Autos verschleiern wollen. Für die erfolgsverwöhnten Toyota-Manager kommt das einer Katastrophe gleich – ihr Unternehmen, das stets wegen seiner hohen Zuverlässigkeit gelobt wurde, wird fast in eine kriminelle Ecke gerückt.

Die Zahlen sprechen jedenfalls gegen den größten japanischen Autokonzern, der das Ziel verfolgt, in wenigen Jahren General Motors als weltgrößten Hersteller abzulösen. In den Jahren 2004 und 2005 hat Toyota in Japan jeweils 1,8 Millionen Autos wegen plötzlicher Mängel zurückrufen müssen. In diesem Jahr sind es auf dem wichtigen japanischen Heimatmarkt zur Jahresmitte schon mehr als eine Million Fahrzeuge gewesen, die zurück in die Werkstätten mussten.

Der Hauptgrund der Probleme bei dem einstmals so gelobten Autohersteller liegt auf der Hand: der große Erfolg. Toyota wächst rund um den Globus zu schnell und kann deshalb seine sonst so gefeierten Qualitätsstandards nicht mehr halten. Damit das Unternehmen Autos mit hoher Qualität an seine Kunden ausliefern kann, bedarf es einer bestens ausgebildeten Mannschaft. Nur gute Mitarbeiter können auch gute Autos fertigen.

In der Vergangenheit hat es Toyota stets geschafft, bei neuen Werken in den USA und in Europa auch die Mechanismen der hohen Qualität zu installieren. Stammkräfte aus Japan wurden ins Ausland entsandt, um die europäischen und amerikanischen Kollegen mit den Konzern-Standards vertraut zu machen. Das Gleiche galt für die Zulieferer im Ausland. Auch sie wurden in das Produktionssystem des Autoherstellers einbezogen.

Die Häufung der Rückrufe ist ein echtes Alarmsignal. Toyota muss schnell dafür sorgen, dass die Qualität wieder stimmt. Konzernpräsident Watanabe hat eingeräumt, dass das Unternehmen ein ernstes Problem habe und das Vertrauen der Kundschaft zurückgewinnen müsse.

Die Lösung kann nur darin bestehen, etwas vorsichtiger zu expandieren. Toyota muss seine Kräfte in den vorhandenen Werken bündeln und für Ordnung sorgen. Erst wenn die Produktion dort wieder ordentlich funktioniert und größere Fehler ausgeschlossen sind, darf das japanische Unternehmen wieder über neue Werke nachdenken.

Für die weltweiten Wettbewerber bedeutet das momentane Debakel allerdings nicht, dass sie sich jetzt entspannt zurücklehnen könnten. Zwar wird Toyota sicherlich etwas Zeit brauchen, um wieder überall sein altes Niveau zu erreichen. Doch absolut absehbar ist, was danach geschehen wird: Toyota geht erneut in die Offensive und erhöht den Druck auf die Konkurrenz. Für Ruhe und Gelassenheit haben die Wettbewerbern also überhaupt keinen Anlass.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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