Inside: Voestalpine
Lockruf des Meeres

Die österreichische Voestalpine will sich endgültig in der Spitzengruppe der europäischen Stahlhersteller etablieren. Nach dem 3,7 Milliarden Euro teuren Kauf des österreichischen Edelstahlproduzenten Böhler-Uddeholm fasst der Konzern den Bau eines zweiten Hauptwerks am ScHwarzen Meer ins Auge.

Bis zum Jahresende soll über das Milliardenprojekt entschieden werden. Die Vorarbeiten laufen zügig: Von den ursprünglich zehn sondierten Standorten in Bulgarien, Rumänien, der Ukraine und der Türkei sind nach Prüfung fünf ausgeschieden. In Kürze werde sich die Liste der Standorte auf vier verdichten, heißt es in Konzernkreisen.

Voestalpine hat in jüngster Zeit einen bemerkenswerten Strategiewechsel vollzogen. Wie der deutsche Konkurrent Thyssen -Krupp verfolgten die Österreicher die fortschreitende Konsolidierung in der weltweiten Stahlindustrie lange nur als Zuschauer. Mit Verweis auf die im internationalen Vergleich hohen Renditen argumentierte das Management: Für Voestalpine bestehe kein Grund, sich an teuren Übernahmekämpfen zu beteiligen.

Tatsächlich profitiert Voestalpine von der Nähe zu wichtigen Kunden aus der Automobilindustrie. Die Werke von Daimler, BMW und Audi in Süddeutschland liegen quasi vor der Haustür. Auch die geforderte Topqualität in der automobilen Oberklasse liefert Voestalpine. Jedoch erwarten Branchenkenner, dass sich die Automobilproduktion in den nächsten Jahren immer stärker nach Osteuropa verlagert. Dort sind die Kosten niedriger und die Wachstumschancen größer.

Das Gleiche gilt für Voestalpine. Ein Standort am Meer bringt im Vergleich zum jetzigen Hauptwerk in Linz an der Donau Einsparungen in Millionenhöhe, da etwa die wichtigsten Rohstoffe zur Stahlproduktion, Eisenerz und Kokskohle, nicht mehr auf kleinere Binnenschiffe umgeladen werden müssten. Hinzu kommt, dass das Werk in Linz - es produziert jährlich 5,5 Millionen Tonnen Stahl - nur auf maximal sechs Millionen Tonnen erweitert werden kann.

Voestalpine bleibt im Grunde keine andere Wahl: Um wichtige Kunden nicht zu verlieren und neue Abnehmer zu gewinnen, muss der Konzern fünf Milliarden Euro für den nächsten Wachstumsschritt in die Hand nehmen. Nach jetzigen Stand könnte das neue Stahlwerk in Südosteuropa mit fünf Millionen Tonnen Kapazität Ende 2013 anlaufen.

Allerdings würde die Bilanz von Voestalpine strapaziert. Schon durch den Kauf von Böhler -Uddeholm stieg die Nettofinanzverschuldung auf 3,3 Milliarden Euro. Der Anteil der Nettoschulden am Eigenkapital, das Gearing, schnellte von 10 auf 75 Prozent hoch. Außerdem brach der Aktienkurs seit Sommer 2007 um ein Drittel ein.

Um die Finanzmärkte zu beruhigen, kündigte der Konzern an, das Gearing in zwei bis drei Jahren auf 50 Prozent zu senken. Um das Ziel zu erreichen, könnte sich Voestalpine außerdem von seinem margenschwachen Autozuliefergeschäft trennen, vermuten Analysten. Das würde Geld in die Kasse spülen und obendrein die Gesamtrendite erhöhen.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%