Insolvenzverfahren
Escada droht Schlammschlacht

Eigentlich geht Nickolaus Becker als erfahrener Anwalt bedächtig vor. Doch nun reißt dem Interessenten für den insolventen Modekonzern Escada die Hutschnur. Der Jurist droht mit einem Antrag beim Amtsgericht München auf Abberufung des Insolvenzverwalters Christian Gerloff. Was ist passiert?

DÜSSELDORF. Die Gattin des potenziellen Escada-Investors, Amira Becker-Saleh, arbeitet seit fast 18 Jahren bei Escada und leitet den Bereich „Celebrity Dressing“. Dort ist sie beispielsweise dafür verantwortlich, dass sich die russische Opernsängerin Anna Netrebko öffentlich in Escada-Kleidern zeigt. Sie hatte ihre Vorgesetzte im Konzern über den Besuch ihres Mannes beim bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) informiert. Und händigte ihrer Chefin am 9. Oktober eine Pressemitteilung der Staatskanzlei aus. Sie habe, sagt Becker, diese Mitteilung auch an drei oder vier Kollegen ihrer Abteilung weitergeleitet.

In der Pressemitteilung lobt Seehofer Beckers Interesse an Escada. „Ich begrüße die Initiative von Dr. Becker, wenn sich damit die Chance eröffnet, in diesem interessanten Bereich Arbeitsplätze in Bayern zu erhalten“, sagt Seehofer.

Noch am gleichen Tag, an dem Frau Saleh-Becker die Mitteilung Seehofers bei Escada verteilte, orderte Insolvenzverwalter Gerloff sie ins Büro der Betriebsratsvorsitzenden und rügte sie für die „PR Aktion für ihren Mann“. Aus Gerloffs Sicht ist jeder Mitarbeiter dem Unternehmen verpflichtet und nicht den Interessen eines Investors. Bei einem erneuten Vorkommnis dieser Art würde sie, so schildert Becker den Zwischenfall, unverzüglich freigestellt.

„Dieser Vorgang ist beispielslos“, schimpft Ehemann Becker, der als früherer Aufsichtsratschef des einstigen Börsenlieblings EM.TV einiges gewohnt ist. „Ich bin geschockt und entsetzt über die Vorgehensweise von Herrn Dr. Gerloff, die jegliche Art von Objektivität vermissen und ein darüber hinaus fehlendes Verständnis für basisdemokratische Grundregeln erkennen lässt“, erbost sich der Jurist. Schließlich sei eine Pressemitteilung der Landesregierung ein für Jedermann zugängliches Dokument.

Gerloff reagiert gelassen auf die Angriffe. „Die Vorwürfe von Herrn Becker sind so absurd, dass wir sie nicht weiter kommentieren“, sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters auf Anfrage.

Becker strebt als Vertreter einer Investorengruppe an, einen Großteil der Arbeitsplätze zu erhalten und ohne staatliche Hilfen auszukommen. Aus seiner Sicht müssen viele Dinge beim Konzern aus Dornach überprüft werden: „Wir müssen uns zum Beispiel ansehen, welche Geschäfte das Unternehmen in Zukunft wirklich braucht.“ Insgesamt betreibt Escada derzeit 175 eigene Läden und 170 über Franchisenehmer. Becker hat sich bislang als einziger Kaufinteressent zu erkennen gegeben. Er kennt die Modebranche gut. Vor Jahren war er Aufsichtsratschef des Starnberger Modefilialisten More & More.

Insolvenzverwalter Gerloff arbeitet daran, Escada möglichst schnell an einen neuen Investor zu verkaufen. Nach Angaben Gerloffs hat sowohl der Vorstand als auch er selbst „eine Reihe von interessierten Anfragen potenzieller Investoren erhalten“. Finanzkreisen zufolge sind mehr als ein Dutzend Investoren aus dem In- und Ausland an dem Luxuslabel interessiert. Gerloff will bis Anfang November einen Käufer präsentieren, heißt es. Der Modemarke soll eine lange Hängepartie erspart bleiben. „Glitzer und Insolvenz vertragen sich nicht“, sagte ein Beteiligter. Escada hatte am 13. August den Antrag auf Insolvenz beim Münchener Amtsgericht gestellt. Ein von Vorstandschef Bruno Sälzer eingeleiteter Rettungsplan war gescheitert.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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