Interview: Alexander Medwedjew: „Ich kann sagen, was ich denke“

Interview
Alexander Medwedjew: „Ich kann sagen, was ich denke“

Gazprom hat alles getan, um seinen Lieferverpflichtungen nachzukommen. Gazprom-Vizechef Alexander Medwedjew äußert sich im Handelsblatt-Interview über die Konsequenzen aus dem Gasstreit, den Bau der politisch brisanten Ostsee-Pipeline sowie Schadensersatzforderungen von Eon-Ruhrgas.

Handelsblatt: Herr Medwedjew, Gazprom-Aktionär Eon-Ruhrgas will ihr Unternehmen wegen des im Gasstreit mit der Ukraine nicht nach Deutschland und in andere europäische Länder gelieferten Erdgases auf Schadenersatz verklagen. Wundert Sie das?

Alexander Medwedjew: Ich war schon sehr überrascht von dieser Ankündigung seitens Eon-Ruhrgas. Da aber Eon-Ruhrgas ja nicht nur Aktionär bei Gazprom ist, sondern auch langjähriger Partner von uns, sollten wir solche Konflikte miteinander klären und nicht über Gerichte oder Medien.

Sind die Schadenersatzforderungen denn berechtigt?

Nein. Denn kein Kunde von Eon-Ruhrgas hat tatsächlich unter dem ja von der Ukraine erzwungenen Lieferstopp gelitten. Außerdem hat Gazprom alles getan, um seinen Lieferverpflichtungen nachzukommen: Wir haben die nicht durch die Ukraine führende Jamal-Pipeline via Polen bis zum Limit gefüllt. Und wir haben soviel es ging aus unterirdischen Gasspeichern, an denen Gazprom beteiligt ist, geliefert.

Aber stimmen Vorwürfe, Eon-Ruhrgas habe deutlich weniger Erdgas während der Krise erhalten als Wingas, der deutsche Gasversorger, den Gazprom zusammen mit der BASF-Tochter Wintershall besitzt?

Nein, keiner hat mehr oder weniger bekommen. Egal ob Eon, Wingas oder Gaz de France: Alle wurden proportional gleich beliefert.

Gazprom beruft sich als Gegenargument zu den Schadenersatzansprüchen europäischer Versorger gegen Ihr Unternehmen auf höhere Gewalt...

...denn die Lage war für uns ja schlimmer als sogar nach einem Erdbeben. Da hätten wir etwas tun können. Aber im ganz eindeutig allein von Kiew orchestrierten Gaskonflikt waren wir doch machtlos, wir konnten nichts reparieren. Wir wurden zur Geisel des innerukrainischen Machtkampfs zwischen Präsident Viktor Juschtschenko und Premierministerin Julija Tymoschenko, die am Ende den Mut gehabt hat und eigenverantwortlich ein neues Abkommen zwischen Gazprom und Naftogaz Ukrainy ermöglicht hat.

Aber wie zuverlässig ist Gazprom als Lieferant noch? Liegt nicht eine Gefahr für Europas Gaskunden darin, dass in den langfristigen Gaslieferverträgen zwischen Gazprom und seinen europäischen Abnehmern der Passus enthalten ist, dass bei Zuständen höherer Gewalt von länger als einem Monat jede Seite einseitig den Liefervertrag kündigen kann? Gazprom könnte also, um aus unliebsamen Kontrakten herauszukommen, einfach Lieferunterbrechungen provozieren und sich auf höhere Gewalt berufen.

Nein. Denn das Eintreten höherer Gewalt muss ja von Schiedsgerichten internationaler Handelskammern bestätigt werden. Gazprom war, ist und bleibt ein zuverlässiger Partner.

Und wie schließen Sie aus, dass es erneut zu einem russisch-ukrainischen Gaskonflikt mit massiven Folgen für Europa kommt?

Wir haben alles dagegen getan: Vor allem mit zwei langfristigen Abkommen direkt zwischen Gazprom und Naftogaz mit klaren Marktpreisen für das gelieferte Gas in die Ukraine und die Transitgebühren durch die Ukraine. Das sollte nun verhindern, dass es jedes Jahr zu einem neuen Kampf kommt.

Sie machen der Ukraine schwerste Vorwürfe der Unzuverlässigkeit. EU-Kommissionspräsident Barroso hat hingegen gerade gesagt, dass Europa seine Beziehungen zu Kiew intensivieren wolle...

... Barroso ist Politiker, ich bin Geschäftsmann. Ich kann sagen, was ich denke und muss mich nicht in diplomatischer Zurückhaltung üben.

Dann sagen Sie doch einmal ganz undiplomatisch: Was wird Russland tun, um langfristige Lieferzuverlässigkeit zu garantieren?

Die aktuelle Krise hat jedenfalls bewiesen, wie wichtig Langfrist-Lieferverträge zwischen Gazprom und ihren europäischen Partnern sind, die die EU-Wettbewerbshüter ständig durch liberalisierte Spot-Märkte unterminieren wollen. Wer soll sich denn da tummeln außer Spekulanten? Und die zweite Lehre lautet: Die Energie-Charta, die uns Europa bislang aufnötigen wollte, hat sich jetzt als ein tot geborenes Baby erwiesen. Wir müssen dringend eine gemeinsame Antwort finden auf gemeinsame Herausforderungen.

Viele in Europa rufen demhingegen zu mehr Unabhängigkeit von Russland auf, weil Gazprom der verlängerte Arm der Politik des Kremls sei. Was sagen Sie dazu?

Der russische Staat ist Mehrheitsaktionär, aber wir haben auch 20 Prozent ausländische Aktionäre. Es ist doch naiv zu glauben, ein so großer Konzern wie Gazprom würde mit Anrufen aus dem Kreml gelenkt. Dann müsste bei mir als Gazpromexport-Chef ja ständig das Telefon klingeln. Wir wollen nur ein rein kommerzielles Verhältnis zu unseren Kunden, auch zur Ukraine.

Sie haben noch kein Wort gesagt zur Ostsee-Pipeline, Ihrer Standard-Antwort auf die Probleme.

Natürlich brauchen wir diese Nord-Stream-Pipeline. Denn die jüngste Krise hat gezeigt, dass Europa dringend andere Versorgungswege benötigt. Wir wollen keine Vorteile für die Ostsee-Pipeline gewährt bekommen. Wir wollen aber endlich mit dem Bau loslegen können.

Sonst blasen Sie die Ostsee-Pipeline ab und verschiffen Flüssiggas nach Amerika?

Das ist sehr real, wenn der Bau der Pipeline immer weiter politisiert wird. Unser Premier Putin sagt, wenn ihr unser Pipeline-Gas nicht wollt, dann liefern wir halt anders und anderen. Wir können jederzeit die für die Pipeline zurückgestellten Flüssiggas-Terminals bauen, wenn wir keine adäquate Baugenehmigung für Nord Stream bekommen. Aber es ist doch ein Albtraum, wenn die Ostsee-Pipeline aus politischen Gründen nicht gebaut wird. Obwohl jetzt doch alle sehen, wie wichtig eine Diversifizierung der Lieferwege ist.

Ist denn die Ostsee-Pipeline, wie behauptet, eine Ergänzung der Lieferrouten wegen der rasant steigenden Gasmengen für Europa, oder nur ein Ersatz für die Ihnen unliebsam gewordene Ukraine?

Natürlich geht es auch um eine Umleitung der Gasströme. Aber die Ukraine kann doch nie ganz ersetzt werden als Transitland. Denn Europa braucht 2030 jährlich 150 Mrd. Kubikmeter Erdgas mehr als heute und selbst alle drei neuen Pipeline-Vorhaben – die Ostsee-Pipeline, die Nabucco-Route und unser South-Stream-Vorhaben durch das Schwarze Meer – können nur 110 Mrd. mehr transportieren.

Kann Gazprom denn angesichts der aktuellen Finanzkrise überhaupt noch Kredite bekommen und neue Projekte finanzieren?

Wir haben keine großen Probleme zur Refinanzierung unserer Schulden. Und wir haben genug Einnahmen und Cash-flow. Außerdem beruht unser Investitionsprogramm nicht auf der Basis eines Ölpreises von 150 Dollar je Fass, sondern von zwischen 40 und 60 Dollar. Und ich bin überzeugt, dass der Ölpreis nicht lange bei 40 Dollar bleibt. Dass Öl wieder 100 Dollar pro Barrel kostet ist nicht mehr weit weg. Und wenn die Banken auch bald wiederkommen und ihren Job machen, ist das auch nur gut. Unsere Blue Stream-Pipeline in die Türkei haben wir übrigens begonnen, als der Russland-Finanzcrash 1998 ausgebrochen war.

Gas-Macht

Der Manager

Alexander Medwedjew ist seit 2005 stellvertretender Vorstandsvorsitzender des weltgrößten Gaskonzerns, der russischen Gazprom. Die Hauptaufgabe des 53-Jährigen, der zuvor lange im Banken- und Beteiligungs-Geschäft tätig war, ist dabei das Exportgeschäft. Damit fährt er als Chef von Gazprom-Export auch die höchsten Gewinne für den mehrheitlich vom Kreml kontrollierten Gasriesen ein.

Der Konzern in Zahlen

Gasreserven:

29,8 Bill. Kubikmeter

Ölreserven:

1,5 Mrd. Tonnen

Wert der Reserven:

185 Mrd. Dollar

Erdgasproduktion (2008):

561 Mrd. Kubikmeter

Gas-Exporte (2007):

168,5 Mrd. Kubikmeter

Ölproduktion (2007):

34 Mio. Tonnen

Mitarbeiter:

rund 400 000

Umsatz (2007):

64 Mrd. Euro

Gewinn (2007): 8,8 Mrd. Euro

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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