Industrie

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Interview Andrey Bykov: „EnBW wird sich bis auf die Knochen blamieren“

exklusivDer Lobbyist packt aus: Mit Millionen sollte Andrey Bykov für EnBW in Russland ein günstiges Geschäftsklima schaffen. Im Interview spricht er über Scheinverträge, Geld für die Kirche - und den heiligen Nikolaus.

Der russische Lobbyist Andrey Bykov. Quelle: Pressebild
Der russische Lobbyist Andrey Bykov. Quelle: Pressebild

Herr Bykov, Sie sind der Mann, den der Konzern Energie Baden-Württemberg auf Rückzahlung von 130 Millionen Euro verklagt. Wo ist das Geld geblieben?

Ich habe es wie vereinbart ausgegeben, vor allem für wohltätige Zwecke. In den letzten Jahren habe ich mit dem Geld der EnBW rund 700 solcher Projekte in Russland und angrenzenden Ländern finanziert, vor allem Kirchen und Denkmäler für den Heiligen Nikolaus.

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Ist das Ihr Ernst? Was hat denn EnBW mit dem Heiligen Nikolaus zu tun?

Dieser Heilige ist in Russland sehr bedeutend. Und jeder, der sich für ihn einsetzt, kann im Gegenzug mit großem Wohlwollen der Behörden und höchsten Spitzen von Politik, Industrie und Militär rechnen. Das nennt man Klimapflege.

Andrey Bykov und EnBW

  • Laufbahn

    Andrey Bykov, gebürtiger Russe, wuchs in Berlin auf und arbeitete bis Anfang der 90er-Jahre für die UdSSR als Diplomat in Bonn. Seit dem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst arbeitet der heute 50-Jährige als Lobbyist und verhalf vielen deutschen Unternehmen zu Geschäften in Russland. So fädelte er die Gründung von Wingas mit ein, Eon/Ruhrgas verhalf er zu einer Beteiligung an Gazprom. Für EnBW arbeitet Bykov seit rund 20 Jahren. Bykov ist Präsident der wohltätigen Stiftung "Heiliger Nikolaus, der Wundertäter". Sie kümmert sich nach eigenen Angaben um kirchliche Einrichtungen und soziale Projekte in Russland. Utz Claassen, von 2003 bis 2007 EnBW-Chef, erhielt im Bykovs Beisein im Juli 2005 als erster Nicht-Russe das Kreuz des Ordens des Heiligen Nikolaus.

  • Rechtsstreit

    Seit Jahren streiten sich Bykov und die EnBW vor drei Schiedsgerichten in Stockholm, Zürich und Berlin um 130 Millionen Euro. Es geht um Verträge aus den Jahren 2005 bis 2008 zu kerntechnischen Themen, etwa die Lieferung und Sicherung von Uran. EnBW behauptet, Bykov habe die Leistungen nicht erbracht. Bykov dagegen sagt, die kerntechnischen Leistungen seien gar nicht gefragt gewesen. Die Verträge hätten nur dazu gedient, seine Lobbyisten-Dienste zu verschleiern. In Wahrheit habe er Geld dafür erhalten, der EnBW Zugang zu russischen Gasfeldern zu verschaffen.

Und Sie waren der Klimapfleger.

EnBW hatte den Wunsch, große Erdgasprojekte in Russland zu beginnen. Meine Aufgabe war es, hierfür ein günstiges Klima zu schaffen. Die Hälfte der EnBW-Millionen war mein Honorar. Die andere Hälfte wurde für wohltätige Zwecke ausgegeben. 200 Kollegen waren in Russland mit dieser Arbeit beschäftigt.

Und EnBW war bekannt, was Sie tun?

Natürlich. Ein führender Manager des Konzerns saß ja im Kuratorium der Stiftung des Heiligen Nikolaus, in die das EnBW-Geld floss. Damit wurden 84 Kirchen, 30 Denkmäler, 60 Schachschulen, eine Oper und drei Orchester finanziert, dazu Dutzende von Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, eine Million Bücher und Zeitschriften, 200 Konzerte, 20 große Wallfahrten und vieles mehr. Der 1.500 Seiten starke Zehn-Jahresbericht der Stiftung ist komplett auf der Webseite der Stiftung www.nacxa.ru zu finden.

Andrey Bykov „EnBW will mich offenbar einschüchtern“

Lesen Sie das ungekürzte Interview mit Andrey Bykov im Handelsblatt ePaper.

Entschuldigen Sie, aber sind Ausgaben von 130 Millionen Euro für Denkmäler und Wallfahrten nicht ein bisschen merkwürdig für einen deutschen Konzern?

Klimapflege dieser Art ist in Russland vollkommen üblich. An meiner Arbeit war nie etwas illegal. Allerdings ist auch richtig, dass EnBW diese Pflege nötiger hatte als andere.

Wieso?

Weil der Konzern in Russland vor zehn Jahren ein ungeheuer schlechtes Image hatte. EnBW galt als unzuverlässig und nicht vertrauenswürdig.

  • 12.06.2012, 15:20 UhrBietchekoopen

    Hut ab vor Herrn Andrey Bykov!
    Er hält uns den Spiegel vor. Einerseits beklagen wir immer die Korruption in Osteuropa, sind andererseits aber selbst Mitspieler und Betreiber.
    Korruption als Vorteilsnahme blüht auch in Deutschland, nur wird sie etwas eleganter verpackt als im Osten.

    Wenn ich Herrn Claasen und Herrn Bykov miteinander vergleiche, dann wirkt der vergessliche Herr Claasen äußerst inkompetent und stümperhaft. "Gebühren" der Verbraucher für Imagepflege aufzuwenden, dürfte wohl nicht so gut ankommen.
    Auf die Ermittlungen darf man nun bald gespannt sein.

  • 12.06.2012, 15:32 Uhrizh000

    Und wann werden die politisch Verantwortlichen der CDU zur Rechenschaft gezogen ?

  • 12.06.2012, 16:13 UhrLaboe

    Schon erstaunlich, dass die breite Öffentlichkeit (inklusive der Medien) einem offensichtlich korrupten Berater mehr Glauben schenkt als einem deutschen Unternehmen. Die EnBw wird wohl kaum so dämlich sein von Herrn Bykow Millionen gerichtlich einzuklagen, wenn die Zahlungen ausschließlich Schmiergeld waren. Was genau zwischen der EnBW und Bykow vereinbart wurde wird man wohl nie erfahren, aber Bykow scheint ja nicht geliefert zu haben, ansonsten würde die EnBW das Geld ja wohl nicht wieder haben wollen. Die Geschichte des Herrn Bykow ist zu Gut um wahr zu sein aber ganu dass, was er vor Gericht vortragen muss um nicht zu einer weiteren Zahlung verurteilt zu werden. Die Wahrheit wird wie immer irgendwo in der Mitte liegen. Also Vorsicht bei all zu schneller Parteinahme, insbesondere die CDU dürfte damit mal ausnahmsweise nichts zu tun haben. Viel wahrscheinlicher ist, dass Bykow tatsächlich Uran besorgen sollte, und dabei noch Schmiergeldzahlungen kassiert hat. Allerdings scheint Bykow dann entschieden zu haben, alles als Schmiergeld anzusehen und gar nicht zu liefern. Er hält uns also nicht den Spiegel vor, sondern ist nur ein besonderer Auswuchs dieses Systems.

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