Interview
„Der Wettbewerb ist sehr hart geworden“

Jobst Wellensiek hält nicht viel von den Hardlinern in seiner Branche. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der Insolvenzverwalter über inkompetente Berufsgenossen, das Deprimierende an seiner Arbeit und über die Pleite von Arcandor.

Herr Wellensiek, Ihr erster Fall als Insolvenzverwalter ?

. . . war 1964 der Konkurs eines Trompeters, der nebenher ein Haushaltswarengeschäft betrieb und Umsatz mit Gewinn verwechselte.

Pleiten wie die des Handelskonzerns Arcandor mit 45 000 Mitarbeitern und Dutzenden von Tochtergesellschaften sind schon etwas komplizierter.

Natürlich, aber diese Verwechslung ist heute immer noch sehr gängig. Unabhängig hiervon werden heute an einen Insolvenzverwalter ganz andere Anforderungen gestellt. Es wird mit "harten Bandagen" gekämpft. Gläubiger versuchen mit allen Nachdruck ihre Interessen zu wahren. Selbst Investoren setzten Verwalter unter Druck wenn sie ein Unternehmen, Teile eines Unternehmens oder ein bestimmtes Grundstück erwerben möchten.

Und Tausende von Insolvenzanwälten rangeln sich um die spektakulären Fälle wie Märklin, Schiesser, Qimonda oder Rosenthal.

Ja, der Wettbewerb in diesem Beruf ist sehr hart geworden. Vor vierzig Jahren war sich die Anwaltschaft zu vornehm um Konkurse zu übernehmen. Da war das noch das Metier von Kaufleuten und Steuerberatern. Heute ist das krasse Gegenteil der Fall, jeder will Insolvenzverwalter werden.

Was den Vorwurf stützt, ein Großteil der Insolvenzanwälte sei inkompetent?

Diese Kritik habe ich lange nicht gelten lassen. Inzwischen ist mir bewußt geworden, daß in der Tat bei vielen Verwaltern die Abwicklung des Unternehmens im Vordergrund steht. Hierbei können Millionenwerte zerschlagen werden und es gehen unnötig Arbeitsplätze verloren.

Warum wickeln viele Ihrer Kollegen nur ab?

Der Grund hierfür dürfte in erster Linie sein, daß eine Liquidation erheblich einfacher und mit wesentlich geringerem Haftungsrisiko verbunden ist. Die Fortführung eines Unternehmens in der Insolvenz erfordert meist eine mutige Entscheidung des Insolvenzverwalters und ist für diesen eine höchst gefährliche Angelegenheit.

Zögern Juristen auch deshalb weil sie oft keine Ahnung von Betriebswirtschaft haben?

Mit dem Insolvenzverwalter steht und fällt nun mal das Verfahren, er ist die zentrale Figur. Da ist es wichtig und gut, wenn er nicht nur das sogenannte Insolvenzinstrumentarium, das Insolvenzrecht beherrscht, sondern sich auch im Gesellschafts-, Steuer- und Arbeitsrecht sowie in der Betriebswirtschaft auskennt. Er muß nicht in jedem Gebiet der Superfachmann sein, aber er muß zumindest erkennen, wo die Probleme liegen und wenn er einen Fachmann zuziehen muß. Das ist leider nicht immer der Fall.

Das Gesetz definiert nur vage, was ein Insolvenzverwalter können muss. Brauchen wir also eine Berufsordnung?

Seit zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts wird zu diesem Thema viel diskutiert. Sogar eine Insolvenzverwalterkammer - vergleichbar einer Rechtsanwaltskammer - ist in der Diskussion. Die Schaffung einer ausführlichen Berufsordnung halte ich für überflüssig und für reine Bürokratie.

Aber . . .

. . . nach meiner Auffassung würde - wie vom Verband der Insolvenzverwalter vorgeschlagen - die Fixierung von Berufsgrundsätzen genügen und wäre es wesentlich sinnvoller, den zuständigen Insolvenzrichtern einfache Kriterien für ein qualifiziertes Auswahlverfahren zu geben. Die oft genannte Begründung, daß der Insolvenzverwalter sein Büro am Sitz der Schuldnerin hat, ist sicherlich kein Qualifizierungsmerkmal.

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