Interview
„Die Entscheidung für Ungarn hat mich überrascht“

Manfred Schönleber, Autoexperte der Unternehmensberatung BBK und Europachef für den Bereich Operations, spricht im Handelsblatt-Interview über die Daimler-Entscheidung für ein neues Werk in Ungarn, warum er Russland für den attraktivsten Standort hält und wo die größten Gefahren für die Hersteller beim Zug nach Osten liegen.

Frage: Herr Schönleber, Daimler hat sich für Ungarn als Standort für sein neues Mercedes-Werk in Osteuropa entschieden. War das eine gute Wahl?

Schönleber: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es gibt keinen optimalen Standort. Es gilt abzuwägen, wo ist der Markt, wo sind meine zukünftigen Kunden, wo finde ich die passende Infrastruktur, Lieferanten und genügend qualifizierte Arbeitskräfte? Und wenn man daraus die Schnittmenge bildet, hätte Daimler eigentlich gleich nach Russland gehen können.

Warum ist Ihrer Meinung nach die Wahl auf Ungarn gefallen?

Ich muss sagen, dass mich die Entscheidung überrascht hat. Aber eine gute Infrastruktur, die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte sowie eine moderatere Lohnentwicklung als in Nachbarländern dürften wohl den Ausschlag gegeben haben.

Im Gespräch waren aber sonst vor allem Polen und Rumänien. Was spricht denn gegen diese Länder?

In Rumänien droht bereits jetzt ein Unterangebot an qualifizierten Arbeitskräften in den vorhandenen Clustern und die Gewerkschaften üben massiven Druck aus, die Löhne zu erhöhen. Auch gegen Polen spricht das Lohnniveau und zunehmende Schwierigkeiten, qualifizierte Arbeitskräfte zu den ursprünglich avisierten Kosten zu bekommen. Russland ist dagegen der größte Wachstumsmarkt. Dort wird, wie man so sagt, in den nächsten Jahren die Musik spielen.

Was sind die wichtigsten Aspekte, die es bei einer Entscheidung für ein Werk in Osteuropa zu beachten gilt?

In Russland brauchen Sie beispielsweise eine sehr professionelle rechtliche Beratung. Bürokratie, Genehmigungsverfahren und Zollabwicklung stellen dort zahlreiche Stolperfallen dar.

Wo liegen die größten Gefahren für die Hersteller beim Zug nach Osten?

Das größte Problem der Hersteller ist oft, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Normalerweise müssen die Autobauer 20 Bewerbungsgespräche führen, um einen tauglichen Beschäftigten zu finden und der lebt dann häufig mehr als 100 Kilometer entfernt. Da wird es sehr schwierig. Diese Leute bleiben nicht lange und orientieren sich bei den nächsten Gelegenheit wieder um.

Was lockt die Hersteller - allein niedrigere Lohnkosten?

Das auch, aber vor allem locken die Hersteller die Wachstumschancen auf den boomenden Märkten im Osten. Wenn Sie an dem starken Wachstum dort teilhaben wollen, kommen Sie aber auf Dauer an einer lokalen Fertigung kaum herum.

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