Interview
„Es braucht dringend vertrauensbildende Maßnahmen“

Die EU-Kommission hat ihre ursprünglich für heute angekündigte Entscheidung über Porsches Streben nach der Mehrheit bei VW auf den 23. Juli verschoben, da Porsche einen neuen Antrag zur Genehmigung gestellt hat. Volkswagens Betriebsratschef Bernd Osterloh sieht einer kartellrechtlichen Genehmigung der VW-Übernahme durch Porsche gelassen entgegen. Der Schritt bedeute nichts, sagte er im Handelsblatt-Interview.

Frage: Was würde eine Genehmigung der VW-Übernahme durch die EU-Kommission bedeuten?

Osterloh: Nichts. Nur das Porsche mehr Aktien erwerben kann. Management und Belegschaft werden ihren derzeitigen Erfolgsweg unbeirrt von Finanzmarktgeschäften fortsetzen. Unser Ziel ist klar: Wir wollen Arbeitsplätze sichern und gute Tarifverträge abschließen. Dazu wollen wir unseren Kunden attraktive Fahrzeuge in höchster Qualität zu fairen Preisen anbieten. Und mit technischen Neuheiten Alleinstellungsmerkmale präsentieren, die den Kunden bewegen, Produkte von einer unserer neun Marken zu kaufen. Das ist keine blanke Theorie! Gucken Sie sich den Erfolg des neuen Tiguan an. Und ich gehe davon aus, dass es beim Scirocco genauso läuft. Porsche kann also ruhigen Gewissens weitere Anteile erwerben. Das Geld ist bei uns in guten Händen, solange man uns in Ruhe arbeiten lässt.

Wann erwarten Sie eine Klärung der noch ausstehenden Spielregeln für den Umgang in der Porsche SE?

Osterloh: Wenn ich den Aussagen von Herrn Wiedeking in ihrer Zeitung glauben könnte, dann müsste es bei Porsche jetzt den festen Willen geben, die VW-Belegschaft fair zu beteiligen. Aber Worte sind geduldig. Denken Sie nur an die Versprechen in ganzseitigen Zeitungsanzeigen. Da halte ich es lieber mit Erich Kästner: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!"

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking schlägt versöhnliche Töne an und zeigt öffentlich Verständnis für Ihr Engagement. Wie reagieren Sie darauf?

Osterloh: Ich finde es gut, dass Herr Wiedeking anscheinend verstanden hat, dass das VW-Gesetz die Belegschaft und ihre Interessen schützt. Wir sind gewählt, um die Belegschaft vor Arbeitsplatzverlust und Managementwillkür zu schützen. Dabei achten wir gleichzeitig darauf, dass das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist. Diese Grundhaltung entspricht dem Geist des VW-Gesetzes. Es hat unsere Unternehmenskultur, die auch vom VW-Management geschätzt und geteilt wird, geprägt. Die Grundlage für den Erfolg des Global Players Volkswagen ist gegenseitiges Vertrauen und Verständnis für die jeweiligen Interessenlagen des Unternehmens und der Belegschaft. Wer also gegen das Bedürfnis der Belegschaft nach Sicherheit arbeitet, der darf wohl kaum auf das Vertrauen unserer Kolleginnen und Kollegen hoffen. Und stellt somit auch den Erfolg des Unternehmens in Frage.

Welche konkreten Schritte erwarten Sie von Porsche zu einer Beilegung des Konfliktes?

Osterloh: Eine Mitbestimmungsvereinbarung, die die VW-Belegschaft angemessen beteiligt. Das würde immerhin die Grundlage schaffen, um verlorenes Vertrauen wiederaufbauen zu können. Bei Volkswagen sind Wirtschaftlichkeit und Beschäftigungssicherung gleichrangige Unternehmensziele. Wir arbeiten täglich daran, scheinbar gegensätzliche Interessen zum Wohl von Belegschaft und Unternehmen auszugleichen. Dies erfordert von Betriebsrat und Management häufig genug, dass man über den eigenen Schatten springen muss. Ein Beispiel dafür ist der Tarifabschluss 2006. Einen solchen Schritt kann man nur gehen, wenn man sich vertraut. Insofern braucht es zum gemeinsamen Erfolg dringend vertrauensbildende Maßnahmen. Dann kann es schnell gehen.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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