Interview
Martin Zügel: „Erfolg ist keine Frage der Firmengröße“

Martin Zügel ist Sprecher der Geschäftsführung der Frankfurter Pharmafirma Merz, die eines der wenigen zugelassen Alzheimer-Medikamente produziert. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über die Einkaufstour der Big Pharma und die Herausforderungen bei der Alzheimerforschung.

Herr Zügel, Merz hat eines der wenigen zugelassenen Alzheimer-Medikamente am Markt. Aber fast alle großen Pharmafirmen forschen in diesem Bereich. Werden Sie mithalten können?

Erfolg ist nicht unbedingt eine Frage der Unternehmensgröße. Natürlich müssen wir uns mit unserer wesentlich kleineren Forschung und Entwicklung stärker fokussieren als größere Pharmafirmen. Und das ist uns bislang gut gelungen. Memantine ist das weltweit zweitgrößte Antidementivum, wir haben viel versprechende andere Medikamente und forschen auch bei Alzheimer an einem neuen Wirkmechanismus.

Sie fühlen sich im Vergleich mit Big Pharma also gut aufgestellt?

Ja, denn wir verfolgen momentan einen sehr attraktiven Ansatz. Ob dieser Ansatz bei den Patienten wirklich zu den gewünschten Therapieerfolgen führt, werden wir allerdings erst 2012 mit Bestimmtheit sagen können. Das Projekt steht erst am Anfang.

Wann rechnen Sie damit, dass neue Medikamente auf den Markt kommen?

Bei den weltweiten Bemühungen der Pharmaunternehmen hat es in den letzten Jahren leider Rückschläge gegeben, einige der untersuchten Ansätze haben die Erwartungen letztlich nicht erfüllt. Dennoch sind zurzeit viel versprechende Substanzen in der klinischen Prüfung. Sie werden nach meinem Wissen jedoch nicht vor 2012 auf den Markt kommen können.

Big Pharma kauft sich weltweit millionenschwer in viel versprechende Projekte ein. Das kann Merz als mittelständisches Unternehmen im Familienbesitz aber nicht.

Wir konzentrieren uns bei Alzheimer auf wenige, ausgewählte Therapieansätze und suchen hier weltweit nach viel versprechenden Neuentwicklungen. Aufgrund unserer Expertise werden wir dabei als attraktiver Partner wahrgenommen, der frühe Projekte zielstrebig und effektiv fortführen kann. Weit fortgeschrittene Projekte sind für uns hingegen weniger interessant, weil man für ihre Realisierung eine eigene, weltweite Vermarktungsorganisation braucht.

Insgesamt steigen die Anforderungen der Zulassungsbehörden an Studien. Müssen auch Sie heute mit ganz anderen Größen kalkulieren als vielleicht noch vor zehn Jahren?

Die Anforderungen sind in der Tat deutlich gestiegen. Dadurch wird die Forschung aufwendiger und teurer. Selbst bei zugelassenen Medikamenten ist die Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit mittels weiterer Studien in der Praxis zu belegen.

Was sind die Herausforderungen bei der Alzheimer-Forschung?

Die Krankheit wird häufig erst sehr spät diagnostiziert. Eine der ganz großen Herausforderungen ist, bei einem nicht erkrankten Patienten einen Parameter zu finden, der darauf hinweist, dass er wahrscheinlich erkranken wird. Und auch in der Versorgungsforschung gibt es noch einiges zu tun, um die Situation in der Praxis besser zu erfassen und die Versorgungs- und Lebensqualität der Patienten kontinuierlich zu verbessern.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen prüft gerade sozusagen im öffentlichen Auftrag den Nutzen von Memantine. Was wäre, wenn das IQWiG zu dem Schluss käme, dass der Nutzen von Memantine nicht belegt ist?

Wir sind überzeugt davon, dass auch das IQWiG die in den Studien und im klinischen Alltag nachgewiesene Wirksamkeit von Memantine würdigen wird. Die Studien mit unserem Medikament Axura entsprechen den strengen Kriterien der nachweisorientierten Medizin und werden mit dem höchsten so genannten Evidenzgrad bewertet.

Wissenschaftler sagen, dass man durch die Verordnung von mehr Antidementiva enorme Pflegekosten einsparen könnte.

Davon gehen auch wir aus. Kürzlich hat eine Analyse der Daten von über 20 000 Alzheimer-Patienten der Barmer gezeigt, dass der Einsatz moderner Antidementiva Kosten reduzieren kann. Danach sind die Gesamtkosten bei einer Therapie mit Memantine im Schnitt um elf Prozent niedriger als bei Nichtbehandlung.

Das Interview führten Maike Telgheder und Siegfried Hofmann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%