Interview mit Beiersorf-Chef Thomas Bernd Quaas
„Wir sollten Amerika nicht abschreiben“

Der Vorstandschef des Konsumgüterkonzerns Beiersdorf, Thomas Bernd Quaas, appelliert an Politik und Wirtschaftsführer, die Finanzkrise nicht zu Grabenkämpfen zu missbrauchen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt warnt der Konzernchef insbesondere davor, die USA im Zuge der ausufernden Krise abzuschreiben.

Eine Serie von Bankenpleiten erschüttert Amerika und Europa. Welche Lehren ziehen Sie als Unternehmenschef aus der Krise?

Dass man grundsätzlich sehr intensiv darüber nachdenken muss, wie viel Risiko man bereit ist einzugehen – und wie man die möglichen Konsequenzen bewertet. Ich würde jedem empfehlen, in Szenarien zu denken, sobald man einen riskanten Weg beschreiten möchte. Dann müssten auch die Konsequenzen aus verschiedenen Optionen klar darstellbar gemacht werden: „Sollen wir wirklich diesen Weg gehen, laufen wir möglicherweise automatisch gegen die Wand.“

Heißt das mit anderen Worten: Risikoscheu ist fortan Trumpf?

Ich würde davor warnen, jetzt überhaupt kein Risiko mehr einzugehen. Sonst bewegen wir uns alle nur noch in viereckigen Räumen. Man müsste aber Risikothemen einer deutlich intensiveren Vorüberlegung unterziehen. Es wäre zu begrüßen, wenn das in der Verantwortung des Marktes geschehen würde, ohne dass sich der Staat einmischt. Das ist eine ureigene Manageraufgabe.

Zahlreichen Mahnern zufolge steht das Weltfinanzsystem aber vor dem Kollaps, wenn die US-Regierung jetzt nicht schnell einspringt. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Alternative zu „mehr Staat“ im Zuge der Kreditkrise?

So, wie sich die Situation zugespitzt hat, gibt es keinen anderen Weg. Es ist wohl richtig, dass sich der Staat jetzt kraftvoll einmischt, indem man punktuell Einbrüche auffängt und hoffentlich so weit begradigt, wie es geht. Wir brauchen jetzt dringend eine Beruhigung und müssen vor allem verlorenes Vertrauen wiederherstellen. Das dauert eine Weile und wird die schwierigste Aufgabe überhaupt sein, für die Politik und für die Manager sowieso. Eine Welt mit Menschen, die finanziell in Unsicherheit leben, ist keine besonders schöne Welt.

Die US-Regierung erwägt Gehaltsobergrenzen für Manager, deren Firmen das staatliche Hilfsprogramm in Anspruch nehmen. Ist das Vertrauen in die Managerkaste nachhaltig beschädigt?

Wir sollten da Augenmaß behalten, auch wenn es in den USA gewiss Exzesse gegeben hat. Viele Kritiker kommen jetzt und schreien, dass diese Riesenblase jeder hätte sehen müssen. Vielleicht sollten wir da vorsichtig sein, denn es haben ganz viele Menschen an verschiedenen Stellen Entscheidungen getroffen, die genau zu der Situation geführt haben, die wir jetzt erleben. Nachkarten hilft nicht viel. Wir müssen jetzt zurück auf Los und zusehen, dass die Dinge sich in dieser Form nicht wieder entwickeln können. Das geht nur durch konsequentes Vorleben, durch vorbildliches Verhalten von Managern und anderen Stakeholdern.

Glauben Sie, dass die Debatte um unverhältnismäßig hohe Managervergütungen und Abfindungen nach Deutschland schwappt?

Nein, die amerikanischen Dimensionen sind hier bei weitem nicht angekommen. Ich glaube, dass in Deutschland durchaus ein vernünftiges Gehalt für einen Top-Wirtschaftsführer akzeptiert wird, wenn man am Auftreten und Handeln der Person sieht, dass die Vergütung eine vernünftig Passform hat. Sie darf eben nur nicht exzessiv werden.

Inwiefern spürt Beiersdorf die Ausläufer des Schuldendebakels?

Die Kreditkrise kommt nicht direkt bei uns an. Wir haben eine hohe Liquidität im Konzern, die Finanzierung stellt uns vor keine Probleme. Wie jedes andere Konsumgüterunternehmen müssen wir uns aber der Frage stellen, welche Auswirkungen die aktuelle Situation auf das Konsumentenverhalten haben wird.

Ist die Frage nicht schon beantwortet? In Deutschland rechnet die GfK mit einer Stagnation des privaten Konsums, und in den USA hat das Verbrauchervertrauen historische Tiefstände getestet.

Wir sehen im Moment noch keine direkte Reaktion. Wie sich die Konsumenten mittelfristig auf die Situation einstellen, ist schwer abzuschätzen. In Zeiten, in denen es schwieriger wird und sich die Verbraucher zurückhalten mit Privatausgaben, schneiden etablierte Marken aber generell besser ab. Mit Nivea haben wir im Konzern eine Flaggschiff-Marke mit hohem Vertrauensbonus.

Sind jetzt nicht eher die Preisbrecher im Vorteil, die dem Kunden das Gefühl geben, seinen Geldbeutel zu schonen?

Ein Phänomen kann man in Krisensituationen auf der ganzen Welt sehen: Wenn das Geld knapp ist, wird zwar weiter Kosmetik und Körperpflege gekauft. Es wird aber weniger ausprobiert. Die Menschen gehen dann in einen Supermarkt und kaufen eher Marken, die sie kennen und denen sie vertrauen.

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