Interview mit Gazprom-Chef Alexej Miller
„Die Zeiten von billigem Gas und Öl sind vorbei“

Trotz des neuen Gasstreits mit der Ukraine garantiert der russische Gaskonzern Gazprom, dass Europa nicht mit Lieferausfällen rechnen muss. „Solche Ängste sind unnötig, das will ich ausdrücklich betonen“, sagte der Gazprom-Chef Alexej Miller dem Handelsblatt. Er bestätigte allerdings, dass es wie in den Vorjahren ernste Probleme mit der Ukraine gebe.

Herr Miller, können die deutschen Verbraucher nach dem jüngsten Rutsch des Ölpreises jetzt auf deutlich niedrigere Gaspreisen zählen?

Obwohl der europäische Gaspreis im vierten Quartal 2008 über der Marke von 500 Dollar pro Tausend Kubikmeter liegt, können unsere Kunden zuversichtlich sein: In der ersten Jahreshälfte 2009 wird der Preis sinken.

Sie hatten noch im Sommer einen dramatischen Anstieg des Ölpreises prognostiziert, dann kam aber der Einbruch. Wie schätzen Sie denn jetzt den langfristigen Trend ein?

Heute, da die Märkte äußerst volatil sind, ist es offenbar, dass eine genaue Preisprognose für Öl oder eine Vorhersage der Nachfrageentwicklung praktisch unmöglich sind. Eins weiß ich aber genau: Die Zeiten der billigen Kohlenwasserstoffe wie Öl und Gas sind vorbei. Bereits früher haben wir ein spürbares Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem internationalen Ölmarkt für 2012 vorhergesagt. Denn die Investitionen, die für die Deckung dieser Lücke erforderlich gewesen wären, wurden nicht zum richtigen Zeitpunkt getätigt, also schon 2005. Neue Vorkommen müssen zudem mit einem immer größeren technischen Aufwand erschlossen werden.

Aber ist der derzeitige Preisrückgang nicht der Gegenbeweis?

Nein. Der aktuelle Rückgang des Ölpreises ist noch kein Hinweis darauf, dass dieses Ungleichgewicht 2012 nicht doch noch eintreten wird. Ganz im Gegenteil: Auch jetzt investieren die Ölunternehmen wegen der Finanzkrise nicht ausreichend in die Förderung. Dies führt zwangsweise zu einer noch größeren Lücke an Erdöl und Ölerzeugnissen. Dies wiederum wird sich auch im Ölpreis widerspiegeln. Ganz bestimmt wird der Gaspreis daher noch vor 2012 einen neuen historischen Spitzenwert erreichen.

Wie hoch sind denn Ihre Einnahmeausfälle im kommenden Jahr, wenn die Exportpreise sinken?

Ungeachtet des für 2009 zu erwartenden Preisrutsches in Europa wird die Nachfrage der europäischen Kunden stabil bleiben. Eine stabile Nachfrage erwarten wir auch auf dem größten Absatzmarkt der Gazprom - nämlich in Russland, wo der Gaspreis laut eines Regierungsbeschlusses nächstes Jahr um durchschnittlich 25 Prozent erhöht werden soll. Diese Maßnahme würde uns helfen, die Auswirkungen der niedrigeren Preise für Gasexporte nach Europa so gering wie möglich zu halten.

Trifft denn die Finanzkrise ihr Geschäft gar nicht? Immerhin hat Gazprom noch 55 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten ...

Selbstverständlich berücksichtigt Gazprom bei der Planung ihrer Aktivitäten die Auswirkungen der Krise auf den Finanzmärkten. Im Dezember wird eine Strategie der Gazprom dem Aufsichtsrat zur Genehmigung vorgestellt. Aber die Effekte des Ölpreisrückganges wirken sich erst nach sechs bis neun Monaten bei den Gaspreisen aus. Für 2008 erwarten wir deshalb ein Rekordergebnisse bei Erlösen und beim Nettogewinn: etwa 100 Milliarden Dollar bzw. 35 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn liegt damit um ein Drittel höher als 2007. Damit sind wir in der aktuellen Finanzkrise recht gut aufgestellt. Wir haben sogar beschlossen, eine Zeit lang die Aufnahme externer Darlehen einzuschränken. Wir sind in der Lage, den Investitionsplan aus unseren eigenen Mitteln zu finanzieren. Und die Verschuldung des Unternehmens bauen wir um ein Viertel ab.

Also keine Bremsspuren?

Nein, der Gaspreisrückgang in Europa 2009 wird auf unserer vorrangigen Investitionsprojekte keine Auswirkungen haben.

Dann werden Sie Ihre Expansionsstrategie fortsetzen?

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