Interview mit Matthias Wissmann
„Der Wind ist rauer geworden“

Matthias Wissmann führt den Verband der Automobilindustrie seit gut einem Jahr. Im Gespräch mit dem Handelsblatt gibt sich der frühere CDU-Politiker zuversichtlich, dass die deutschen Premiumhersteller die derzeit tobende Finanzkrise gut überstehen werden.

Herr Wissmann, die Finanzkrise hat inzwischen dramatische Züge angenommen. Gehören die Luxusauto-Hersteller mit zu den großen Verlierern der Bankenkrise?

Wir sollten trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkte die Dinge mit Augenmaß betrachten: Nicht jeder Oberklasse-Kunde ist Investmentbanker, und nicht jeder in dem Bereich hat Schwierigkeiten. Überdies: Gute Leute werden immer gesucht. Das Oberklasse-Segment ist recht konjunkturrobust, weil zudem viele mittelständisch strukturierten Familienunternehmen zu seinen Kunden zählen. Mit einem weltweiten Marktanteil von 80 Prozent im Oberklasse-Segment gehören die deutschen Marken zu den Gewinnern. Denken Sie an die Zuwächse dieses Segments in China und Russland.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat gerade erst ihre Prognose für die Weltautomärkte im zweiten Halbjahr 2008 gekappt. Steht der Branche das Schlimmste erst noch bevor, wie manche Experten meinen?

Die deutschen Marken haben in der ersten Jahreshälfte auf dem hart umkämpften US-Markt nicht nur Marktanteile hinzugewonnen, sondern auch als einzige ihren Absatz steigern können. Wir sind davon überzeugt, dass sie dort und auf anderen Märkten auch im weiteren Jahresverlauf besser dastehen werden, weil ihre Modelle besonders kraftstoffeffizient sind und sie auch bei Qualität und Sicherheit die Nase vorn haben. Dem deutlich schwächeren Markt in Westeuropa steht zwar noch eine steigende Nachfrage in Osteuropa, China, Indien und Lateinamerika gegenüber. Klar ist aber: Der Wind auf den Weltmärkten ist rauer geworden.

Der VDA prognostiziert weiter 3,2 Millionen Neuzulassungen dieses Jahr in Deutschland. Doch die Finanzkrise und der Konjunkturabschwung haben auch Europa erreicht. Bleibt das Ziel realistisch?

Wir haben unsere Prognose für das Gesamtjahr 2008 Anfang des Jahres schon bewusst konservativ ausgerichtet. Mittlerweile hat der Gegenwind zugenommen, das Ziel ist damit anspruchsvoller geworden. In Deutschland könnte eine endlich fällige Entscheidung zur Neuordnung der KFZ-Steuer einen wichtigen Impuls für den Heimatmarkt geben.

Diese Woche eröffnet der Pariser Autosalon. Was werden die beherrschenden Themen dort sein?

Im Jahr ohne IAA PKW hat der Pariser Autosalon natürlich eine besondere Bedeutung. In Paris wird – wie zuvor in Frankfurt und in Genf – die nachhaltige Mobilität im Vordergrund stehen: Klimafreundliche und CO2-sparsame neue Modelle in allen Segmenten mit alternativen Antrieben. Das reicht vom zweisitzigen Elektro-Smart bis zum neuen BMW 7er oder dem Mercedes-Benz S 400 Blue Hybrid mit Lithium-Ionen-Batterie. Es werden aber auch neue und im Verbrauch sehr sparsame Dieselmotoren mit modernster Common-Rail-Technik zu sehen sein, darunter der Audi A4 2.0 TDI Concept e mit lediglich 105 g/km CO2 und weniger als 4 l/100 km Verbrauch. Und natürlich gehört der neue VW Golf VI, der in der BlueMotion-Version unter 100 g/km CO2 liegen wird, zu den Highlights des Salons. Auch Opel und Ford werden mit spannenden Modellen vertreten sein. Die deutschen Marken werden ihre Innovationskraft also erneut eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Glauben Sie im Streit mit der Europäischen Union um die CO2-Begrenzung noch an eine Einigung in diesem Jahr?

Diese Chance besteht durchaus, allerdings müssen Rat und Parlament sich nun zügig einigen. Zudem ist erforderlich, dass das EU-Parlament sich nach der völlig verunglückten Entscheidung seines Umweltausschusses auf den Rat zu bewegt. Frankreichs Staatspräsident Sarkozy und Bundeskanzlerin Merkel hatten sich ja bereits in Straubing im Frühjahr auf einen gemeinsamen Schulterschluss in dieser wichtigen Frage verständigt. Daran sollte jetzt festgehalten werden – auch im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Automobilindustrie und ihrer Arbeitsplätze.

Die Fragen stellte Carsten Herz.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%