Interview mit RWE-Chef Jürgen Großmann: „Wir können auf Kernenergie nicht verzichten“

Interview mit RWE-Chef Jürgen Großmann
„Wir können auf Kernenergie nicht verzichten“

Der Chef des Essener Energiekonzerns RWE fordert Konsequenzen aus dem russisch-ukrainischen Gasstreit: Europa müsse verstärkt Gas aus anderen Föderländer importieren und neue Transitrouten vorantreiben. Deutschland brauche auch langfristig Kernkraftwerke, um sich vom Import fossiler Brennstoffe unabhängiger zu machen.

Herr Großmann, heizen Sie zu Hause mit Gas?

Wir haben vor ein paar Jahren auf Gas umgestellt, weil wir den Platz brauchten, den der Öltank eingenommen hatte.

Dann verfolgen Sie den russisch-ukrainischen Gasstreit ja auch aus privatem Interesse. Beide Seiten scheinen nun eine Übereinkunft erzielt zu haben. Aber ärgert es Sie nicht, dass da ein Konflikt auf dem Rücken der Gasverbraucher ausgetragen wird?

Darüber ärgere ich mich in der Tat. Das ist ein unseliger Streit, der zu allem Überfluss auch noch zu einer Art Neujahrsritual zu werden droht. Ich hoffe, dass die Beteiligten den Ernst der Lage erkannt haben und die Gaslieferungen wieder aufgenommen werden. Rasch!

Können Sie ausmachen, wer der Hauptschuldige ist?

Wir kennen die Hintergründe nicht. Daher traue ich mir kein abschließendes Urteil zu. Unsere Geschäftspartner im Osten gehen aber davon aus, dass nicht allein wirtschaftliche Interessen ausschlaggebend sind. Es geht um Politik, Prestige, Einfluss und Macht.

Betrachten Sie Russland noch als verlässlichen Gaslieferanten?

RWE hat bislang nur gute Erfahrungen mit Russland gemacht. Wir haben einen Liefervertrag bis 2035 – und ich habe keinen Zweifel daran, dass Russland alles daransetzen wird, diesen Vertrag zu erfüllen.

Sollten sich die deutschen Gasimporteure nicht dennoch nach Alternativen umschauen?

Derzeit kommen 38 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland. Nach allen unseren Erkenntnissen wird dieser Anteil sogar noch steigen, denn die Quellen in den Niederlanden und Großbritannien werden versiegen, und Norwegen kann das nicht allein ausgleichen. Es ist daher klar, dass wir mittel- und langfristig auf Russland setzen müssen. Die Transportwege müssen jedoch sicherer werden. Außerdem müssen wir uns Quellen erschließen, die außerhalb Russlands liegen – etwa in Zentralasien. Dabei kann die Nabucco-Pipeline helfen, die wir gemeinsam mit anderen europäischen Unternehmen planen. Verflüssigtes Erdgas wird künftig für die Versorgung wichtiger werden. RWE ist auch dort gut aufgestellt.

Bislang konnten Sie für das Nabucco-Projekt aber noch keine Gaslieferanten gewinnen …

Ich bin überzeugt, dass wir für die Pipeline genug Lieferanten finden werden. Vorverträge werden derzeit diskutiert.

Könnte irgendwann auch Gas aus dem Iran durch die Nabucco-Pipeline strömen?

Eine langfristige Planung muss den Iran, der über die zweitgrößten Gasreserven der Welt verfügt, als Energielieferanten mit berücksichtigen. In der ersten Ausbaustufe der Nabucco-Pipeline brauchen wir den Iran allerdings nicht, um die Leitung zu füllen. Die Pipeline rechnet sich auch ohne Gas aus dem Iran.

Brauchen wir für eine Krise, wie wir sie jetzt erleben, eine nationale Gasreserve?

Nein. Privatwirtschaftliche Versorger können unternehmerisch die Bevorratung von Gas besser organisieren. Deutschland verfügt über große Speicherkapazitäten, die intelligent gemanagt werden. Die meisten anderen EU-Staaten können davon nur träumen. Wir sind daher im Moment in einer privilegierten Situation. In anderen Ländern herrscht Notstand. Schauen Sie sich zum Beispiel die Slowakei an.

Helfen Sie den Slowaken?

Ja, wir beliefern sie derzeit mit über vier Millionen Kubikmeter Gas pro Tag aus unseren eigenen Reserven. Das ist gelebte europäische Solidarität. Das Ansehen Deutschlands und von RWE steigt damit enorm, wir machen für Jahrzehnte Boden gut ...

… und Sie verdienen Geld damit.

Natürlich verdienen wir damit. Aber wir nutzen die prekäre Lage, in der sich unsere Partner befinden, nicht aus. Unsere Preise sind sehr moderat.

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