Interview mit Unternehmer Ratan Tata
„Indien könnte die Welt verändern“

"Asiens Geschäftsmann des Jahres" Ratan Tata spricht im Handelsblatt-Interview über den Wettlauf seines Landes mit China, die Zukunft der Autoindustrie und soziales Unternehmertum. Ratan Tata ist Chef des größten indischen Konglomerats.

Herr Tata, nach dem boomenden China rückt Asiens zweiter Riese ins Rampenlicht. Wird Indien die Globalisierung ähnlich beeinflussen?

Tata: Indien könnte die Welt ähn-lich verändern wie China. Aber dazu müssen wir ein paar Gänge hochschalten. Unsere Politik muss mehr dafür tun, dass aus Indiens Potenzial auch Wirklichkeit wird. Schlüsselleute in der Zentralregierung wollen mehr Reformen. Aber das ganze System ist so schwerfällig, dass sie sich schwer durchsetzen können. Die derzeit herrschende Ideologie gegen Auslandsinvestitionen und gegen Privatisierungen erschwert es zumindest, zu China aufzuschließen.

Indiens Dienstleistungsexporte boomen, Outsourcing macht das Land zum verlängerten Büro der Welt. Hat es durch verschleppte Reformen verpasst, eine Fabrik der Welt zu werden wie China?

Tata: Eindeutig. Aber es kann auf-holen, auch wenn schwierig wird. Wir haben vor zwei Jahren in einer Studie viele Branchen verglichen. Diese ergab, dass chinesische Industrie-Produkte im Schnitt 30 Prozent billiger sind als indische. Die Arbeitsproduktivität liegt in China 30 bis 50 Prozent höher. Strom kostet viel weniger und fällt seltener aus, Importe sind billiger wegen niedriger Zölle. Aber der wichtigste Unterschied: Im Schnitt sind Chinas Industrie-Branchen bereits fünf mal größer als in Indien. Und sie haben den Ehrgeiz, globale Größe zu erreichen, auch indem sie Weltmarken kaufen. Dabei hilft die Regierung.

Tata-Gruppe spielt auf vielen Feldern mit

Der Manager: Ratan Tata hat sich einen Namen als harter Sanierer gemacht. 1991 übernahm der studierte Architekt die Leitung der Tata-Gruppe. Seitdem hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt. Ratan Tata reduzierte die Zahl der Gruppenfirmen von 300 auf 90, halbierte in wichtigen Sparten wie Stahl und Autos die Belegschaft, trimmte den Konzern gegen heftigen Widerstand auf Wachstum und Effizienz.

Das Unternehmen: Die Tata-Gruppe ist in über 40 Ländern präsent, beschäftigt 220 000 Angestellte und erwirtschaftet einen Umsatz von 17,6 Milliarden Dollar – das sind drei Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts. Von ihren 91 Firmen sind 32 an der Börse notiert.

Chinesische Firmen wie Lenovo, Haier, CNOOC können bei Übernahmen im Ausland auf billige Kredite von Staatsbanken vertrauen. Und sie?

Tata: Unsere Regierung ermutigt uns nicht einmal zu solchen Schrit-ten. Indische Unternehmen sind völlig auf sich gestellt, und das setzt uns Grenzen. Ich könnte keine Übernahme über zehn Milliarden Dollar im Ausland stemmen, selbst wenn ich wollte. In China macht der Staat das den Firmen möglich. Nehmen Sie Tata Motors: Wir sind der siebtgrößte LKW-Hersteller der Welt. Als Chinese würde mein Ziel lauten, Nummer eins oder zwei zu werden. Aber hier kann es das nicht. In kleinerem Maßstab und in Branchen wie Pharma, IT oder Autoteilen rücken indische Firmen allerdings zu Spielern auf den Weltmärkten auf.

Seite 1:

„Indien könnte die Welt verändern“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%