Investitionsstandort
Internationale Konzerne entdecken Deutschland neu

Deutschland hat im globalen Wettbewerb um Investitionen Boden gut gemacht. Internationale Unternehmen entschieden sich 2006 deutlich häufiger für einen deutschen Standort als in den Jahren davor. Das geht aus einer Studie der Standort-Beratungsfirma IBM Global Location Strategies vor, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

LONDON. Deutschland machte mit 222 Projekten ausländischer Unternehmen einen Sprung von Platz elf auf sechs der Standort-Weltrangliste.

„Deutschland profitiert wie andere reife Industrieländer von dem jahrelangen starken Wachstum der Weltwirtschaft“, sagt Roel Spee, Chef der IBM-Standortberatung für Europa, Afrika und Asien. Und ein zweiter Grund: Die Reformen der vergangenen Jahre. Die günstigere Kostenstruktur und die steuerlichen Verbesserungen hätten Deutschland wettbewerbsfähiger gemacht. „Es dauert immer ein paar Jahre, bis internationale Investoren solche Veränderungen registrieren“, sagt Spee. Dafür werde dieser positive Effekt wohl noch Jahre anhalten.

Die Ergebnisse der Studie passen zu jüngsten Trendaussagen von Industrieverbänden, die dem Standort Deutschland eine gewachsene Attraktivität bescheinigen. Auch die Amerikanische Handelskammer in Deutschland attestiert, dass die befürchtete Abwanderungswelle von US-Unternehmen ausblieb. Doch sie fordert zugleich weitere Reformen, um die internationale Wettbewerbsposition weiter zu verbessern.

In der EU-Rangliste hat Deutschland Russland und Polen übersprungen und liegt nun hinter Großbritannien und Frankreich auf Rang drei. Der Abstand ist jedoch sehr groß: Die Franzosen haben mehr als drei Mal so viele Projekte vorzuzeigen und die Briten sogar fast fünf Mal so viele. „Großbritannien war schon immer der Brückenkopf für nordamerikanische und asiatische Firmen nach Europa“, sagt Spee. Auch biete das Land flexiblere Rahmenbedingungen als viele Konkurrenten auf dem Kontinent. Doch auch gegen die Briten holt Deutschland auf: Vor wenigen Tagen entschied sich der Triebwerkhersteller Rolls Royce, ein Testzentrum im brandenburgischen Dahlewitz statt am englischen Stammsitz anzusiedeln. Politiker und Gewerkschafter reagierten empört.

IBM Global Location Strategies ist neben Deloitte der führende Anbieter internationaler Standort-Beratung. Die Studie stützt sich auf die Datenbank der Firma, die für jedes Land die angekündigten Investitionsprojekte ausländischer Firmen erfasst. Sie bietet ein gutes Bild der tatsächlichen Attraktivität eines Standortes, weil sie Firmenübernahmen ausschließt, die amtliche Statistiken über ausländische Direktinvestitionen verzerren können. IBM berücksichtigt für die Rangliste nur Standortentscheidungen, für die es internationale Alternativen gab. Das schließt unter anderem die Gründung von Einzelhandelsfilialen aus.

Spee vermutet allerdings, dass die deutschen Zahlen lückenhaft sind. „Viele Regionen sind sehr zurückhaltend damit, Ansiedlungserfolge zu melden“, sagt er. „Das dürfte die Zahlen ein bisschen drücken.“ Die traditionelle Stärke der eigenen Industrie habe die Deutschen jahrzehntelang davon abgehalten, so stark um ausländische Investoren zu werben wie Nachbarländer. Darum seien sie bis heute auf diesem Gebiet weniger effizient. Auffällig sei, dass chinesische Investoren sich oft für Deutschland entschieden – vor allem für Hamburg und Nordrhein-Westfalen. So verlegt der Telekom-Ausrüster Huwaei seine Europazentrale von London nach Düsseldorf. „Ähnlich wie es bei den japanischen Firmen war, könnten ersten Schritten größere Ansiedlungen folgen“, sagt Spee.

In einem wichtigen Aspekt hängt Deutschland allerdings weit hinterher: Mit den Investitionsprojekten ist hier eine deutlich kleinere Zahl von Stellen verbunden als anderswo. Gemessen an den geschaffenen Arbeitsplätzen liegt Deutschland in Europa nur auf Platz zehn und weltweit nicht unter den ersten zwanzig. Große neue Produktionsstätten wie die verschiedenen Halbleiterfabriken in Sachsen oder das dortige Impfstoffwerk von Glaxo Smith Kline sind weitaus seltener als Vertriebs- und Dienstleistungsstützpunkte, Verwaltungszentralen sowie Forschungseinrichtungen. Innerhalb Deutschlands profitiert der Osten überdurchschnittlich stark von den Arbeitsplätzen, die Neuansiedlungen schaffen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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