Industrie

_

Italiens Autoindustrie: Ciao Bella

Italiens Autoindustrie ist nur noch ein Schatten vergangener Tage. Die Verkäufe eilen von Rekordtief zu Rekordtief, die Bänder stehen still – und der größte Autobauer des Landes könnte sich bald verabschieden.

Italien verabschiedet die eigene Autoindustrie.
Italien verabschiedet die eigene Autoindustrie.

DüsseldorfDas Herz der italienischen Autoindustrie schlug über Jahrzehnte im Süden Turins. An den Bändern der „Fabbrica Italiana Automobili Torino“ (kurz: Fiat) im Stammwerk Mirafiori arbeiteten zu Spitzenzeiten bis zu 70.000 Menschen – mehr als bei VW in Wolfsburg. Auf rund drei Millionen Quadratmetern wurden hier die Autos gebaut, die international zu Verkaufsschlagern wurden. Doch die ruhmreiche Vergangenheit scheint heute unendlich weit entfernt.

Anzeige

Denn mittlerweile schlägt das Herz der italienischen Autoindustrie nur noch schwach. Sehr schwach. Offiziell sind in Mirafiori noch 5.500 Mitarbeiter beschäftigt – zehn Mal weniger als beispielsweise im VW-Hauptwerk. Seit zwei Jahren stehen die Bänder praktisch still. Mit der Absatzkrise der Autobauer in Europa und dem Niedergang von Fiat verkommt die Turiner Vorstadt mehr und mehr zur deindustrialisierten Zone. Eine Entwicklung, die in ganz Italien zu beobachten ist. Die Auslastung der italienischen Werke ist 2013 auf ein Rekordtief gesunken. Die einst stolze Heimat von Alfa Romeo, Lancia und Maserati ist nur noch ein Schatten vergangener Tage.

„Die Lage in Italien hat sich verschärft“, sagt auch Branchenexperte Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive an der FHDW Bergisch-Gladbach. Die Konkurrenz aus Asien und Osteuropa habe qualitativ zugelegt und bedrohe das Kerngeschäft von Fiat. Zusätzlich würden Marken wie Alfa Romeo und Lancia durch die Kompaktklassen der deutschen Premiumhersteller unter Druck gesetzt.

Marchionnes Sprüche „Bitte kaufen Sie diesen Wagen nicht“

  • Marchionnes Sprüche: „Bitte kaufen Sie diesen Wagen nicht“
  • Marchionnes Sprüche: „Bitte kaufen Sie diesen Wagen nicht“
  • Marchionnes Sprüche: „Bitte kaufen Sie diesen Wagen nicht“
  • Marchionnes Sprüche: „Bitte kaufen Sie diesen Wagen nicht“

Eine Umfrage der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young unter Europas Automanagern fasst die Depression in Zahlen: Rund zwei Drittel aller befragten Unternehmen bewerten die aktuelle Lage in Italien als „schlecht“ oder „eher schlecht“. In punkto Wettbewerbsfähigkeit landet das Land auf dem vorletzten Platz. Nur zwei Prozent gehen davon aus, dass die Kapazitäten in Italien wachsen werden. Mehr als jedes dritte Automobilunternehmen plant Personalkürzungen.

Das verwundert nicht: Allein 2012 ist der Autoabsatz in Italien um 20 Prozent eingebrochen, im ersten Halbjahr 2013 gingen die Verkäufe erneut um fünf Prozent zurück. Im letzten Jahr fuhr Fiat einen Verlust von 700 Millionen Euro ein. Im ersten Quartal feierte der Konzern es als Erfolg, dass er das Minus auf 111 Millionen Euro reduzieren konnte. Dabei türmten die Italiener immer mehr Schulden auf. Der Berg wuchs innerhalb von drei Jahren von 1,3 auf 6,7 Milliarden Euro. Dass Fiat überhaupt noch selbstständig ist, hat der Konzern vor allem seinem Chef zu verdanken.

Welche Autostandorte kostengünstig produzieren

  • Quelle

    In der Studie „European Automotive Survey 2013“ haben die Wirtschaftsprüfer von Ernst&Young 300 europäische Unternehmen der Automotive-Branche befragt, wie sie die Produktionskosten der Automobilstandorte bewerten.

  • Platz 18

    England

    Obwohl Großbritannien als Vorreiter für liberalisierte Arbeitsmärkte gilt, werden die Produktionskosten in keinem europäischen Land schlechter bewertet. Nur fünf Prozent halten die Briten in dieser Kategorie für sehr wettbewerbsfähig, immerhin 13 Prozent noch für eher wettbewerbsfähig. Das sind 21 Prozentpunkte weniger als noch 2011.

  • Platz 17

    Italien

    Ähnlich schlecht schneiden die Italiener ab. In der Heimat von Ferrari und Fiat kreist der Sparhammer. Nur fünf Prozent halten das Land in punkto Produktionskosten für sehr wettbewerbsfähig, 13 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 16

    Frankreich

    Auch die Franzosen produzieren nach Ansicht der befragten Unternehmen zu teuer. Mittlerweile halten nur noch fünf Prozent das Land in Sachen Produktionskosten für sehr wettbewerbsfähig, 15Prozent halten die Franzosen für eher wettbewerbsfähig. Das sind insgesamt 19 Prozentpunkte weniger als 2011.

  • Platz 15

    Schweden

    Traditionell gehören die Lohnnebenkosten und Steuern in Schweden zu den höchsten in Europa. Das beschert den Skandinaviern einen schlechten Platz im Kostenranking. Sechs Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 16 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 14

    Spanien

    Spanien steckt in einer der größten Wirtschaftskrisen seiner jüngeren Geschichte. Trotzdem produziert die Autoindustrie des Landes noch zu teuer, meinen die befragten Unternehmen. Vier Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 21 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 13

    USA

    Die große Konsolidierungswelle ist über die USA hinweggefegt. Doch bei den Produktionskosten kann sich das Land damit immer noch keinen Spitzenplatz sichern. Für fünf Prozent sind die Amerikaner in punkto Produktionskosten sehr wettbewerbsfähig, für 23 Prozent eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 12

    Japan

    Die Heimat von Toyota, Suzuki und Honda gilt als Geburtsstätte der effizienten Produktion. In zwei Jahren hat das Land in punkto Produktionskosten aber an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sechs Prozent halten Japan für sehr wettbewerbsfähig, 22 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 11

    Deutschland

    Während die Deutschen bei Qualität, Produktivität und Innovation den Spitzenplatz belegen, schneiden sie bei den Produktionskosten nur mittelmäßig ab. Acht Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 21 für eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 10

    Russland

    Ein gemischtes Bild hinterlassen die Russen im Kostenranking. Obwohl nur drei Prozent das Land für sehr wettbewerbsfähig halten, bewerten immerhin 34 Prozent die Russen als eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 9

    Türkei

    Als Billigstandort der Automobilindustrie hat sich die Türkei etabliert. Allzu groß scheinen die Kostenvorteile allerdings nicht zu sein. Nur fünf Prozent bewerten das Land als sehr wettbewerbsfähig, immerhin 35 Prozent als eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 8

    Südkorea

    Unter den führenden Autonationen belegen die Südkoreaner einen der oberen Ränge. Auch bei den Kosten reicht es immerhin für die Top Ten. Für acht Prozent aller befragten Automobilunternehmen ist das Land sehr wettbewerbsfähig, für 37 Prozent eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 7

    Brasilien

    Für die Autokonzerne gilt das Land als Schlüssel zum südamerikanischen Kontinent. Insbesondere die strengen Importbestimmungen des Landes machen den Herstellern das Leben schwer. In punkto Kosten bewerten sechs Prozent das Land als sehr wettbewerbsfähig, 45 Prozent als eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 6

    Polen

    Unter den günstigsten europäischen Standorten eröffnen die Polen die Spitzengruppe. Sieben Prozent halten das Land bei den Produktionskosten für sehr wettbewerbsfähig, satte 49 Prozent als eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 5

    Ungarn

    Audi, Daimler und Suzuki haben ihre Werke in Ungarn nicht ohne Grund ausgebaut. Satte 11 Prozent aller befragten Unternehmen halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 46 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 4

    Slowakei

    Ähnlich gut sieht die Kostenstatistik der Slowaken aus. Für zehn Prozent ist das Land sehr wettbewerbsfähig, für 51 eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 3

    Tschechien

    Das einzige europäische Land auf dem Treppchen und damit Kostenführer in Europa ist Tschechien. Acht Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 54 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 2

    Indien

    Unangefochten führend sind allerdings die wichtigsten Absatzmärkte. Für 34 Prozent aller befragten  Automobilunternehmen ist Indien in punkto Produktionskosten sehr wettbewerbsfähig, für 35 Prozent eher wettbewerbsfähig.

  • Platz 1

    China

    Mittlerweile wird jedes dritte Auto von Volkswagen in China produziert. Nicht ohne Grund. Kein Land der Welt wird von den Herstellern in punkto Kosten besser bewertet. Für 40 Prozent sind die Chinesen sehr wettbewerbsfähig, für 31 Prozent eher wettbewerbsfähig.

Sergio Marchionne, der viel gelobte und viel gescholtene Italo-Kanadier, hatte mitten in der Krise Gespür bewiesen und den damals strauchelnden US-Autobauer Chrysler übernommen. Ein Schritt, der den Italienern heute den nötigen Spielraum gibt. Ohne die Gewinne der Amerikaner wären die Italiener heute womöglich gar nicht mehr überlebensfähig.

Doch der Erfolg im US-Geschäft wird für italienischen Fabriken zur Gefahr. Denn Marchionne hat längst größere Pläne: Er will die restlichen Anteile der US-Schwester aufkaufen und den globalen Autokonzern Fiat-Chrysler schaffen. Dafür muss er allerdings die mächtige US-Gewerkschaft United Auto Workers überzeugen, die derzeit die übrigen Prozente hält. Das Ergebnis dieser Verhandlungen könnte ein gemeinsamer Börsengang der Unternehmen in New York und die Verlegung der Zentrale von Turin nach Detroit sein.

Oder auch in die Niederlande – diese Möglichkeit deutete Marchionne ebenfalls an. Mit diesem Schritt würde das italienische Traditionsunternehmen der Konzernschwester Fiat Industrial folgen. Der Nutzfahrzeughersteller will sich nach dem Zusammenschluss mit der US-Tochter CNH ebenfalls in den Niederlanden ansiedeln. Dort zieht es viele ausländische Unternehmen hin, weil sie sich davon steuerliche Vorteile versprechen.

  • 23.07.2013, 18:48 UhrRIP

    Italienische Autos waren schon immer Schrott!!!
    Diesen Schrott versuchten diese Bambinis mit Pseudo-Design zu kaschieren, aber wir Nordlichter lassen uns nicht veräppeln!!!

    R.I.P

  • 23.07.2013, 18:51 UhrFlashGordon

    Ferrari, Lamborghini, Maserati. Muss man noch mehr sagen ?

    Okay, Lamborghini gehört inzwischen zum Portfolio von Winterkorn !

  • 23.07.2013, 18:53 Uhrgil-ruiz

    Bei Licht betrachtet, haben Opel, Fiat (Alfa, Lancia etc.) und Peugeot doch schon längst ihre Existenzberechtigung - wettbewerbsfähige UND allseits begehrte Automobile - verloren.

    Der Todeskampf geht weiter und läst sich höchstens noch etwas aufhalten - für jeden der drei genannten.

    Der Abstieg begann übrigens in keinem Fall vor wenigen Jahren sondern bereits seit Jahrzehnten. Billige Technik, abstruses Design und schon gehts bergab. Kommt dann noch fehlende Globalpräsenz dazu gibts den nächsten Stoß in den Untergang. Garniert wird das ganze mit Qualitätsproblemen. Und schon haben wir den perfekten Dinosaurier.

  • Die aktuellen Top-Themen
Sonys „The Interview“: „Der Film wird verbreitet werden“

„Der Film wird verbreitet werden“

Als Hacker mit Angriffen auf Kinos drohten, zog Sony die Premiere der Satire von „The Interview“ zurück. Von einem endgültigen Aus für den Film könne aber nicht die Rede sein – sagt nun der Anwalt des Filmstudios.

Dunkin' Donuts: Pflaumen für Deutschland, Nutella für die Briten

Pflaumen für Deutschland, Nutella für die Briten

Dunkin' Donuts schwächelt in Europa schon lange. Der alte Kontinent macht nicht mal einen Prozent des Umsatzes aus. Das will die Fast-Food-Kette nun ändern – mit rund 1000 neuen Filialen und länderspezifischen Angeboten.

  • Business-Lounge
Business-Lounge: Die großen Auftritte der Entscheider

Die großen Auftritte der Entscheider

Premieren, Feste, Symposien oder Jubiläumsfestivitäten – es gibt viele Anlässe, bei denen die Größen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Verfolgen Sie die Auftritte in Bildern.

Mit dem Jobturbo durchsuchen Sie mehr als 215.000 Stellenanzeigen  in 36 deutschen Stellenbörsen.
Diese Jobs suchen die Handelsblatt-Leser:
1. Ingenieur   6. Bauingenieur
2. Geschäftsführer   7. Marketing
3. Financial Analyst   8. Jurist
4. Controller   9. Volkswirt
5. Steuerberater   10. Designer