Jagd nach Öl
Indiens Ölriese ONGC kauft in Russland ein

Der staatliche indische Energiekonzern ONGC hat im Kampf um den Londoner Ölproduzenten Imperial Energy die Oberhand gewonnen. Die Inder sicherten sich mit einem Gebot im Wert von 1,4 Mrd. Pfund (1,8 Mrd. Euro) die Zustimmung des Unternehmens zu einer Übernahme, das in Sibirien Öl fördert. Der chinesische Erzkonkurrent Sinopec zögert derweil mit einem Gegenangebot.

LONDON. Die 2004 gegründete Imperial Energy ist eine von vielen an der Londoner Börse notierten Öl- und Gasexplorationsfirmen, die dank steigender Preise zuletzt enorm an Wert gewonnen haben. Das Unternehmen beutet mehrere kleinere Ölfelder rund um die sibirische Stadt Tomsk aus und ist an einem Ölfeld in Kasachstan beteiligt. Es beziffert seine nachgewiesenen und wahrscheinlichen Reserven auf 920 Mill. Barrel (je 159 Liter) Öläquivalent. Die Produktion ist derzeit mit 7 000 Barrel am Tag noch gering, doch soll bis Jahresende auf 25 000 Barrel steigen. ONGC verfügt nach eigenen Angaben über 6,8 Mrd. Barrel Reserven.

Im großen russischen Energie-Monopoly ist Imperial ein kleiner Spieler, so dass nach Einschätzung von Analysten keine Intervention der russischen Regierung zu befürchten sei. Allerdings könnte ONGC davon profitieren, einen Partner wie Gazprom oder Rosneft ins Boot zu holen. David Aserkoff, Chefstratege des Investmentfonds Renaissance Capital, sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg, die staatlichen russischen Energieriesen seien am indischen Markt interessiert und könnten ein Abkommen mit ONGC anstreben. Die Inder scheinen nicht abgeneigt: „Wir sehen dies als gute Gelegenheit, die Kooperation zwischen Russland und Indien im Energiesektor zu erweitern“, sagte R.S. Butola, Chef der internationalen Sparte von ONGC, OVL.

Indien benötigt für sein rasantes Wirtschaftswachstum und die damit einhergehende Motorisierung ständig steigende Mengen an Öl und Gas. Innerhalb von fünf Jahren wird der Verbrauch nach staatlichen Schätzungen um mehr als 60 Prozent steigen. ONGC, zu rund 85 Prozent in Staatsbesitz, produziert 78 Prozent des indischen Öls und Gases, doch hat sich längst ins Ausland orientiert, um den wachsenden heimischen Bedarf zu decken. Der Konzern strebt an, seine Produktion im Ausland bis 2020 mehr als zu verdoppeln.

Egal ob in Russland, Afrika oder Nahost – überall konkurriert das nach Gewinn und Börsenwert führende indische Unternehmen mit den chinesischen Konkurrenten, die unter einem ähnlichen Druck stehen, ausländische Öl- und Gasfelder zu kaufen. So schreckt auch ONGC nicht vor politisch umstrittenen und riskanten Engagements etwa im Iran, Irak und dem Sudan zurück. In Russland hat sich ONGC für 1,7 Mrd. Dollar mit 20 Prozent am Sachalin-1-Projekt des Weltmarktführers Exxon Mobil beteiligt, doch Imperial wäre die bisher größte Akquisition.

Das Angebot für Imperial beläuft sich auf 12,50 Pfund je Aktie, was einem Aufschlag von 62 Prozent auf den Aktienkurs vor der Bekanntgabe von Gesprächen entspricht. Das ist für die Öl- und Gasbranche nicht außergewöhnlich hoch, doch Analysten sprachen gestern von einem vernünftigen Preis. Die wiederholten Interventionen der russischen Regierung in die Branche haben bewirkt, dass Öl- und Gasreserven dort mit einem kräftigen Abschlag etwa im Vergleich zur Nordsee bewertet werden.

Auf einen höheren Preis dürfen die Imperial-Aktionäre vor allem dann hoffen, wenn sich die chinesische Sinopec doch noch entschließen sollte, in den Ring zu steigen. Gestern kamen von dort verhaltene Töne. Chairman Su Schulin sagte, dass sich Sinopec Imperial anschaue, aber noch keine Entscheidung über ein Angebot getroffen habe. Wenige Stunden später kam dann die Erfolgsmeldung von ONGC. Gleichzeitig veröffentlichte Sinopec allerdings einen pessimistischen Ausblick auf die kommenden Quartale.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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