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Jahresbilanz: Klagen gegen Verhütungspillen belasten Bayer-Ergebnis

Der Chemie- und Pharmakonzern steigert den Umsatz auf Rekordniveau. Doch vor allem Klagen in den USA gegen Antibabypillen belasten das Ergebnis. 1,2 Milliarden muss Bayer hierfür zurückstellen. Das drückt den Gewinn.

Eine Aspirin-Schmerztablette aus dem Hause Bayer. Quelle: dpa
Eine Aspirin-Schmerztablette aus dem Hause Bayer. Quelle: dpa

LeverkusenDer Chemie- und Pharmakonzern Bayer steigert im abgelaufenen Geschäftsjahr den Umsatz um 8,8 Prozent auf 39,76 Milliarden Euro – ein Spitzenwert in der Unternehmensgeschichte. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen sinkt hingegen um 4,6 Prozent auf 3,96 Milliarden Euro aufgrund von Sonderbelastungen. Unterm Strich bleibt 2012 ein Gewinn von 2,4 Milliarden Euro. Das ist ein leichter Rückgang von einem Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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Konzernchef Marijn Dekkers sieht den Konzern voll auf Kurs: „Operativ waren wir sehr erfolgreich.“ Alle Teilkonzerne hätten beim Umsatz und beim bereinigten Ergebnis zugelegt. Für die weitere Entwicklung zeigte sich Dekkers zuversichtlich. „Wir erwarten für 2013 und darüber hinaus eine Fortsetzung des Rekordkurses“, so der Bayer Vorstandschef. Der positive Ausblick hat Bayer-Aktien an die Dax-Spitze geschoben. Die Aktien verteuerten sich um bis zu 3,3 Prozent auf ein Rekordhoch von 76,33 Euro.

150 Jahre Bayer

  • Anfänge als Farbenfabrik

    Die Geschichte des Weltkonzerns Bayer beginnt 1863 in Wuppertal-Barmen. Der Kaufmann Friedrich Bayer und der Färber Johann Friedrich Weskott gründen die Firma „Friedr. Bayer et. comp.“. Sie stellt zunächst synthetische Farbstoffe her.

  • Expansion und Umzug

    Das Unternehmen wächst schnell, ebenso die Produktpalette – etwa um ein Medikament namens Aspirin. Bereits 1881 wird die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die „Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co.“. Im Zuge der Expansion zieht das Unternehmen 1912 nach Leverkusen um, dem heutigen Hauptsitz.

  • Die Wirren der Weltkriege

    Weil Deutschland während des Ersten Weltkriegs international isoliert ist, schließen sich 1916 Bayer, BASF und Agfa zu einer Interessensgemeinschaft zusammen, die beispielsweise die schlechte Versorgung mit Rohstoffen verbessern soll. 1925 fusionieren die Unternehmen zur I.G. Farbenindustrie AG. In der NS-Zeit ist die IG Farben eng mit dem Regime verknüpft.

  • Neustart ins Wirtschaftwunder

    Nach Kriegsende lebt Bayer als eigenständiges Unternehmen wieder auf: 1951 wird nach Zustimmung der Alliierten die „Farbenfabriken Bayer AG“ neu gegründet. Die Firma profitiert vom Wirtschaftswunder und expandiert bald auch international. Sie entwickelt und vermarktet chemische Produkte, Kunststoffe, Arzneien und Pflanzenschutzmittel.

  • Großer Umbruch

    1999 trennt sich Bayer von seiner Tochter Agfa, 2005 von großen Teilen des Chemiegeschäfts, die inzwischen unter dem Namen Lanxess eigenständig weitergeführt werden. Ausgebaut hat der Konzern hingegen das Geschäft mit Gesundheit und Agrarwirtschaft, unter anderem durch den Zukauf der Crop-Science-Sparte von Aventis sowie der Übernahme von Schering.

Bereinigt um die Sonderbelastungen stieg das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) um 12,9 Prozent auf 5,67 Milliarden Euro. Dabei steigerte Bayer seinen Umsatz in den Schwellenländern mehr als doppelt so stark wie in den Industrieländern. Bayer hatte zuletzt kräftig in den Ausbau der Geschäfte dort investiert. Dies zahlt sich nun für den Konzern aus. Auch in Nordamerika sei das Geschäft gut gelaufen, in Europa dagegen verhalten.

Im Schlussquartal schoben zudem starke Geschäfte in der Agrarchemie und in der Gesundheitssparte den operativen Gewinn von Bayer an. Auch Konkurrenten wie Dow Chemical und BASF hatten im Bereich Pflanzenschutzmittel und Saatgut geglänzt. Der Bayer-Konzern feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Firmenjubiläum.

Bayer-Aktie Ende der Rekordjagd

Um 46 Prozent verteuerte sich die Bayer-Aktie 2012. Trotz aussichtsreicher Medikamente erwarten Analysten nun eine Seitwärtsbewegung. Dennoch können Anleger mit einigen Produkten eine zweistellige Rendite erzielen.

Die Sonderbelastungen entfallen zum großen Anteil auf Klagen gegen Bayer-Verhütungspillen. 1,2 Milliarden Euro legte der Konzern hierfür zurück. Die Antibabypillen der Leverkusener stehen schon seit einiger Zeit im Verdacht, häufiger als andere Präparate Thrombosen zu verursachen. Auch Todesfälle sollen auf das Konto der Bayer-Pillen gehen. Insgesamt klettern die Sonderbelastungen auf 1,7 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es nur 876 Millionen Euro.

Seit der Übernahme des Konkurrenten Schering im Jahr 2006 ist Bayer der weltweit größte Hersteller von Verhütungsmitteln. Weltweit setzen die Leverkusener mit den Yaz- und Yasmin-Präparaten fast 1,1 Milliarden Euro um. Der Konzern hat sich nun in den USA im Streit um die gesundheitlichen Folgen der Antibabypillen Yaz und Yasmin auf Vergleiche geeinigt. Bayer habe sich ohne Anerkennung einer Haftung bis zum 12. Februar insgesamt mit 4800 Klägerinnen verglichen und dafür rund eine Milliarde Dollar gezahlt.

Das sind die größten Chemieunternehmen Deutschlands

  • Platz 10

    Das Ranking der umsatzstärksten deutschen Chemieunternehmen eröffnet Beiersdorf. Die Hamburger sind vor allem als Kosmetikhersteller mit Nivea und Co. bekannt. Umsatz 2012: 6,0 Milliarden Euro.

  • Platz 9

    Die Lanxess AG ist ein Ableger von Bayer. Der Spezialchemie-Konzern machte 2012 einen Umsatz von 9,1 Milliarden Euro. Das reicht für den neunten Platz.

  • Platz 8

    Das Chemie- und Pharmaunternehmen Merck KGaA mit Sitz in Darmstadt kommt auf Rang acht der Rangliste. 2012 erwirtschaftete der Konzern einen Umsatz von 11,2 Milliarden Euro.

  • Platz 7

    Der Essener Konzern Evonik hat im Jahr 2012 einen Umsatz von 13,6 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das reicht für Platz sieben.

  • Platz 6

    Boehringer Ingelheim ist das zweitgrößte forschende Pharmaunternehmen in Deutschland. Der Umsatz 2012: 14,7 Milliarden Euro.

  • Platz 5

    Der Spezialgase-Spezialist Linde kommt auf den fünfte Rang der umsatzstärksten deutschen Chemieunternehmen. 2012 lag der Umsatz bei 15,3 Milliarden Euro.

  • Platz 4

    Henkel kommt auf den vierten Platz der Rangliste. Der Düsseldorfer Konzern ist vor allem bekannt für Persil-Waschmittel und Pritt-Kleber. Der Umsatz 2012: 16,5 Milliarden Euro.

  • Platz 3

    Das Medizintechnik- und Gesundheitsunternehmen Fresenius ist einer der größten Krankenhausbetreiber Deutschlands. Das Bad Homburger Unternehmen erzielte einen Umsatz von 19,3 Milliarden Euro (inklusive Pharma).

  • Platz 2

    Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer ist die deutsche Nummer zwei. Der Umsatz 2012 betrug 39,8 Milliarden Euro (inklusive Pharma).

  • Platz 1

    BASF ist das weltweit größte Chemieunternehmen. Die Ludwigshafener haben im Jahr 2012 einen Umsatz von 78,7 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Insgesamt waren in den USA bis zum 12. Februar noch etwa 13.600 gerichtliche und außergerichtliche Ansprüche offen. Bayer schließt nun Vergleiche ab mit Klägerinnen, bei denen gefährliche Blutgerinnsel, etwa Venenthrombosen oder Lungenembolien, aufgetreten sind. In den USA währt die gerichtliche Auseinandersetzung um Thrombose-Gefahren von Antibaby-Pillen schon Jahre. Der Konzern sieht sich hier einer Klageindustrie von US-Anwälten ausgesetzt, sagt Finanzvorstand Werner Baumann auf der Bilanzpressekonferenz. Auch andere Pharmakonzerne hätten mit den Klagerisiken in den USA zu kämpfen.

Doch zunehmend kommt Bayer auch in Europa unter Druck: Die französische Regierung hat im Januar ein Vermarktungsverbot das Präparat „Diane 35“ erhalten, das dort sowohl als Akne- wie auch als Verhütungsmittel verschrieben wird. „Wir stimmen hier nicht mit der Auffassung der französischen Behörden überein“, sagt Finanzvorstand Baumann. „Wir sind überzeugt, dass unsere Präparate sicher und wirksam sind, wenn sie ordnungsgemäß eingenommen werden“, ergänzt Konzernchef Dekkers.

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