Japan nach dem Beben
Zweiter Reaktor mit massiven Problemen

Die Situation in Japan wird noch dramatischer: Nun droht nicht mehr nur im Atomreaktor in Fukushima eine Kernschmelze - auch in einem zweiten Reaktor gibt es massive Probleme.
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Nagoya/TokioWährend im japanischen Kernkraftwerk Fukushima wahrscheinlich bereits eine Kernschmelze im Gange ist, treten nun neue Probleme in dem Meiler Onnagawa 120 Kilometer weiter nördlich auf. Die Strahlenwerte außerhalb der Reaktorgebäude übersteigen die zugelassenen Strahlenwerte, teilte der Betreiber Tokyo Electric Power (Tepco) mit. „Es besteht aber keine Gefahr, dass die Lage außer Kontrolle gerät“, sagte ein Tepco-Sprecher am frühen Sonntagnachmittag (Ortszeit).

Das Kraftwerk Onnagawa war bei dem Erdbeben plangemäß heruntergefahren. Experten spekulieren nun im Fernsehen, was Tepco mit seiner Mitteilung sagen will. Ein so dramatischer Zustand wie im Kraftwerk Fukushima Daiichi liegt offenbar nicht vor, doch anscheinend war es nötig, Dampf aus dem Druckgefäß abzulassen.

Der Betreiber des Unglücksreaktors, Tokyo Electric Power (Tepco), beunruhigt die Öffentlichkeit durch die Offenbarung, dass der Füllstand des Kühlwassers in dem Druckgefäß eines Reaktorblocks auf einen kritischen Stand gefallen ist und den Kern mit den Brennstäben kaum noch bedeckt. Wird der Atombrennstoff nicht mehr gekühlt, drohen eine Kernschmelze und Brände. Das Amt für Reaktorsicherheit hat unterdessen zugegeben, dass die Explosion im Kernkraftwerk Fukushima 1 vermutlich auf eine Kernschmelze zurückgeht. Wenn der Reaktorkern sich im Normalzustand befände, hätte sich kein explosives Gas unter dem Dach des Gebäudes sammeln können, so die Nuclear and Industrial Safety Agency (NISA).

In der nordöstlichen japanischen Provinz Miyagi haben Atomexperten eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. Das meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Betreibergesellschaft Tohoku. Ein Sprecher des Unternehmens sagte, die Reaktoren in der Region seien stabil. Um das AKW Onagawa sei eine erhöhte Radioaktivität festgestellt worden. Man gehe davon aus, dass dies nicht von dem Reaktor stamme. Es bestünden keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, hieß es. Experten vermuten, dass der Wind Radioaktivität aus der Provinz Fukushima herübergeweht habe. Dort waren AKWs beim Erdbeben beschädigt worden.

Das verheerende Erdbeben hatte nach revidierten Angaben eine Stärke von 9,0. Das gab die Meteorologische Behörde in Tokio am Sonntag bekannt. Zuvor hatte sie die Stärke auf 8,8 beziffert, während amerikanische Seismologen 8,9 gemessen hatten.

Zwei Tage nach dem Jahrhundertbeben in Japan versuchen Fachleute in einen Wettlauf gegen die Zeit, eine nukleare Katastrophe abzuwenden. In sechs Reaktoren an der Ostküste fiel die Kühlung aus. Am gefährlichsten ist die Lage im Atomkraftwerk Fukushima Eins. Dort pumpten Experten seit Samstagabend ein Gemisch aus Meerwasser und Borsäure in den Reaktor Nummer 1. Bor kühlt den Reaktor zusätzlich ab. Damit soll eine Kernschmelze verhindert werden, die so schlimm wie der Atomunfall 1986 in Tschernobyl in der Ukraine sein könnte. Eine ähnlich dramatische Entwicklung drohte in einem zweiten Reaktor in Fukushima Eins.

Ob eine teilweise oder vollständige Kernschmelze bereits im Gang ist oder war, blieb weiter unklar. Nach Angaben von Hisanori Nei von der Atomsicherheitsbehörde wird die Möglichkeit als groß angesehen, dass es in dem AKW Fukushima Eins schon vor der Explosion vom Samstag zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen ist. Es sei das erste Mal, dass in Japan zu einer Kernschmelze kam, wie die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press weiter berichtete.

In dem Gebiet um die beiden Atomkraftwerke in Fukushima mussten bis Sonntagmorgen rund 200.000 Menschen ihre Häuser verlassen. Mit der Evakuierung will die Regierung die Bewohner vor radioaktiver Strahlung schützen. Die Regierung in Tokio rief große Unternehmen auf, Strom zu sparen.

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