Japanische Unternehmensfusion
Biotechniker unter sich

In Japan bahnt sich eine eher ungewöhnliche Liaison an: Bierbrauer Kirin möchte den Pharmahersteller Kyowa Hakko schlucken. Kirin stärkt so die eigene Medizinsparte – Kyowa hat früher selbst Reisschnaps hergestellt. Doch die Fusion beinhaltet auch Risiken.

TOKIO. Wer am Wochenende abends die besoffenen Geschäftsleute in der Tokioter S-Bahn mit knallrotem Kopf an den Halteschlaufen baumeln sieht, fragt sich manchmal, ob die 8 000 Jahre alte iranische Biotechnologie der Bierherstellung in den Händen der Japaner gut aufgehoben ist. Ein gutes Geschäft ist die Nutzung hochgezüchteter Hefe zur Alkoholherstellung jedoch angesichts des kaum stillbaren kollektiven Durstes nach Feierabend allemal. Deshalb hat die Großbrauerei Kirin genug Geld, um sich eine der aussichtsreichsten wirklichen Biotechnik-Firmen des Landes zu schnappen: 290 Mrd. Yen ist Kirin ein aussichtsreiches Gebot für den Pharma-Spezialisten Kyowa Hakko wert, um die eigene – bisher nur kleine – Arzneimittelsparte auszubauen.

Kyowa Hakko ist auf Medikamente spezialisiert, die künstlich hergestellte Antikörper zum Einsatz bringen. Doch der Name lehnt schon Richtung Kirin: „Hakko“ heißt Gärung. Denn die Firma macht schon seit 1949 alles an Medizin, was sich mit der gerade gängigen Technik gären lässt, wobei der Schwerpunkt bei Krebsmedikamenten lag. Kirin und Kyowa passen prima zusammen: Der eine macht in erster Linie alkoholische Getränke und nebenbei auch Medikamente, der andere macht in erster Linie Medikamente und hat bis 2002 nebenbei auch Reisschnaps gebrannt.

Für Kirin ist der Zukauf eine von mehreren Ideen zur Anpassung an die alternde Gesellschaft: Die Nachfrage nach Bier nahm in den vergangenen zehn Jahren um ein Fünftel ab, während die Pharmakonzerne ihr Geschäft ausbauten. Im Falle der zweitgrößten japanischen Brauerei Kirin hat das die konkrete Auswirkung, dass die Pharmasparte auf eine Marge von 18 Prozent kommt, das Biergeschäft jedoch nur acht Prozent erreicht. Kirin will rechtzeitig auf lukrativere Geschäftsfelder umsteigen, solange überhaupt noch Geld reinkommt.

Die Konkurrenz hat das anders gesehen und die Biotechnik zur Getränkeherstellung von der Biotechnik zur Pharmaherstellung getrennt. Konkret: Konkurrenten Asahi und Suntory haben ihre Pharmasparten in den vergangenen Jahren abgestoßen. Sie hatten dazu gute Gründe, und die sollten vielleicht auch Kirin-Chef Kazuyasu Kato zu denken geben. Denn die Idee der Verkäufe war, dass sich die Brauereien auf das konzentrieren, was sie am besten können. Mit den Medikamenten holen sich die Gärungsmanager auch eine Menge Stress ins Haus.

Denn die Zyklen die beiden Branchen unterscheiden sich fundamental in der Art, wie das Geld hereinkommt. Ein Pharmaunternehmen macht einen Riesenumsatz mit einem Hit-Medikament, solange der Patentschutz läuft. Nach einigen Jahren ist wieder Sense. Ein Brauer kann sich dagegen darauf verlassen, dass die Leute ungefähr gleich viel Bier trinken. Selbst der derzeitige Abwärtstrend in Japan zeichnet sich eher durch seine Stabilität aus denn durch erdrutschartige Veränderungen.

Doch ein Problem bleibt auf jeden Fall: Selbst fusioniert kommt nur ein ziemlich kleiner Spieler auf dem hart umkämpften und zudem immer internationaleren Pharmamarkt heraus. Kirins Arzneimittelabteilung kommt auf 430 Mill. Euro Umsatz, Kyowa Hakko auf 802 Mill. Euro. Japans Marktführer Takeda bringt es auf acht Mrd. Yen – und selbst das ist noch ziemlich weit entfernt von den 35 Mrd. einer Novartis. Selbst die Finanzspritze vom populären Bierbrauer hievt die Biotechniker also nicht auf konkurrenzfähiges Niveau.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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