Joint-venture mit Lada vor dem Platzen: Rückschlag für GM in Russland

Joint-venture mit Lada vor dem Platzen
Rückschlag für GM in Russland

Opel-Mutter General Motors legt in Russland eine lange Bremsstrecke hin: Das Gemeinschaftswerk mit dem russischen Lada-Hersteller AvtoVaz hat inmitten des Autobooms in Russland seine Produktion eingestellt. Die Russen wollen die Amerikaner vom Hof jagen und künftig allein das Geschäft machen.

MOSKAU. Die Partnerschaft zwischen General Motors (GM) und dem größten russischen Autokonzern, dem Lada-Produzenten AvtoVaz, steht nun endgültig auf der Kippe. Nach einem Bericht des Moskauer Wirtschaftsblattes „Wedomosti“ hat das Gemeinschaftswerk GM-AvtoVaz bereits vor einer Woche seine Bänder angehalten. Die Russen liefern keine Einzelteile und Motoren mehr auf das auf ihrem Werksgelände in Togliatti an der Wolga gelegene Joint venture. Somit können keine der von Lada entwickelten Chevrolet-Niva-Geländewagen und auch keine Chevrolet Viva-Modelle mehr montiert werden.

Hintergrund des aktuellen Streits ist, dass nach dem Eigentümer-Wechsel bei AvtoVaz die neuen Herren von Russlands größtem Autobauer die Amerikaner los werden wollen. Vor Kurzem hatte der staatliche Rüstungsexportmonopolist Rosoboronexport die Mehrheit an der Wolga durch massive staatliche Aktienaufkäufe erreicht. Russlands Branchenprimus wurde quasi verstaatlicht und soll nach dem Willen von Boris Aljoschin, dem in der Regierung für Industrie Zuständigen, in eine Autobau-Holding mit dem Lkw-Hersteller Kamaz und dem Fracht- und Pkw-Produzenten GAZ fusioniert werden – unter Staatskontrolle.

GM-AvtoVaz war 2001 als bisher einziges Auto-Joint venture in Russland gegründet worden. An dem Werk, das im vorigen Jahr 51806 Wagen der Modelle Niva und Viva produzierte sind GM und AvtoVaz mit je 41,5 und die Osteuropaförderbank EBRD mit 17 Prozent beteiligt. Die Produktionskapazität liegt bei 102 000 Einheiten jährlich. Das Gemeinschaftsunternehmen hat nach Angaben der Moskauer Deutsche Bank-Tochter UFG in 2005 einen Umsatz von 468 Mill. Dollar und einen Gewinn von 48 Mill. Dollar erwirtschaftet. AvtoVaz, dessen eigene Produktion seit Jahren fällt, erreichte mit 717 985 Pkw im vorigen Jahr einen Umsatz von 5,5 Mrd. und einen Profit von 157,6 Mill. Dollar.

Der Streit ums Geld entzweit jetzt ebenso die alten Partner wie die neuen Herren aus der Regierung, die mittels Rosoboronexport Russlands Autoindustrie unter Staatskontrolle bekommen wollen. Pläne, den Opel Astra an der Wolga zu fertigen oder das Bochumer Motorenwerk von Opel nach Russland zu bringen, waren bereits zuvor gescheitert (das Handelsblatt berichtete). Die Entwicklung gemeinsamer Modelle für den russischen Markt wurde gestoppt. Jetzt soll auch die gesamte gemeinsame Fertigung eingestellt werden, denn nach Angaben aus dem AvtoVaz-Management machten die russischen Anteilseigner mit dem Joint venture Verluste. Denn angeblich würden die bei AvtoVaz für das Gemeinschaftswerk produzierten Autoteile 15 Prozent unter Selbstkosten an das einstmalige russisch-amerikanische Vorzeigeobjekt geliefert. GM sei zu einer Überprüfung der bisherigen Lieferverträge nicht bereit, hieß es in Togliatti.

Für den schwer angeschlagenen GM-Konzern ist der Stillstand der russischen Bänder nicht nur verheerend, weil er pro Woche nach Analystenangaben acht Mill. Dollar kostet, sondern weil Russlands Automarkt so heftig boomt wie ansonsten nur der Pkw-Absatz in Indien und China. Analysten rechnen jetzt damit, dass AvtoVaz den US-Konzern aus dem Gemeinschaftswerk herauskaufe. GM müsse dann eine vollkommen neue Russland-Strategie entwickeln – etwa in Form eines eigenen Opel-Werkes, wie Konkurrent Ford bereits eine eigene Produktionsstätte bei St.Petersburg errichtet hat. Auch Volkswagen plant den Bau einer eigenen Montagefabrik bei Moskau, Toyota baut bereits ein Werk bei St.Petersburg. Bisher machten die gemeinsam gefertigten Modelle 67 Prozent der GM-Verkäufe in Russland aus.

AvtoVaz seinerseits will mit Hilfe von Staats-Milliarden und einem bisher ungekannten Feuerwerk mit zahlreichen neuen Modellen seine Krise beenden. Die Produktion russischer Pkw fällt seit Jahren, während die Importe neuer und gebrauchter Wagen aus dem Westen beständig steigt. Vor allem Billigmodelle, wie der bei Moskwitsch in Moskau gefertigte Renault-Logan oder VWs Gol, setzen den noch immer qualitativ schlechten Russen-Wagen schwer zu. Die liberale „Nowyje Iswestija“ hingegen halten den Staatsplan für verheerend: „Da werden nur wieder Milliarden aus dem Haushalt in sinnlose Industrieprojekte versenkt für Modelle, die sich am Markt nicht durchsetzen.“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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