Jürgen Großmann
RWE muss Kritik aus der Region fürchten

RWE-Chef Großmann stand auf der gestrigen Hauptversammlung mächtig unter Druck. Vieles davon prallt an ihm ab. Richtig ernst nehmen muss er den Widerstand, der sich in Landkreisen an Rhein und Ruhr zusammenbraut.

RWE-Chef Jürgen Großmann kennt die Rolle nicht anders. Er ist und bleibt für die Atomkraftgegner das Feindbild Nummer eins. Dass die Umweltaktivisten sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, auf der Hauptversammlung Stimmung zu machen, war absehbar - und ist für Großmann zu verschmerzen.

Richtig ernst nehmen muss der Energieboss aber den Widerstand, der sich in den Städten, Gemeinden und Landkreisen an Rhein und Ruhr gegen seinen harten Atomkurs zusammenbraut. Die Bürgermeister tragen den Protest in den Aufsichtsrat. Die politische Einflussnahme über das Kontrollgremium ist aber bedenklich. Sie zeigt einmal mehr, dass der Einfluss der kommunalen Aktionäre für RWE ein entscheidender Wettbewerbsnachteil ist.

Seit der Gründung des Unternehmens 1898 sitzen Bürgermeister aus der Region im Aufsichtsrat, nach und nach kauften sie Aktien - und derzeit halten sie rund 25 Prozent. Für RWE hat das durchaus Vorteile. Durch die Nähe konnte sich das Unternehmen an Stadtwerken beteiligen und ist bei Verhandlungen über Lieferverträge in einer guten Position.

Die Nähe hatte aber auch schon immer Nachteile. Die Kommunen sind nicht nur Aktionäre, sondern eben auch Kunden und in vielen Fällen, beispielsweise in Essen und Dortmund, Standort wichtiger Konzerntöchter. Regelmäßig stellten die Vertreter im Aufsichtsrat Standortinteressen über das Interesse an der Entwicklung des Konzerns. Dadurch wurden immer wieder strategische Weichenstellungen blockiert, und RWE wurde in der Entwicklung gehemmt.

Jetzt wird das Problem noch brisanter. Die SPD- und CDU-Oberbürgermeister werden von ihrer Basis gedrängt, aktiv auf den energiepolitischen Kurs des Unternehmens und seines Chefs Großmann einzuwirken. Er soll vor allem seine Klage gegen das von der Bundesregierung verhängte Moratorium, das Biblis A und B zum Stillstand zwingt, zurücknehmen. Am Dienstag machten viele Abgesandte im Regionalbeirat ihrem Unmut Luft, im Aufsichtsrat stellten sie kritische Fragen.

Hier wird aber nicht nur Politik in ein Kontrollgremium getragen. Die Einflussnahme verstößt gegen den Willen des Aktiengesetzes. Weder dürfen Aktionären solche Weisungen gegeben werden, noch dürfen sie so in die Arbeit des Vorstands eingreifen wie von der politischen Basis gewünscht.

Der Unmut unter den institutionellen Anlegern und den Privatanlegern ist so schon groß genug. Gestern kritisierten sie die Macht der Kommunen in zahlreichen Redebeiträgen. Sie halten die Politiker im Aufsichtsrat nicht für kompetent und finden deren Einfluss unangemessen. Schließlich stellen 25 Prozent der Aktionäre vier Aufsichtsräte - und damit 40 Prozent der Kapitalseite. Der Streit über die Atompolitik verstärkt die Fronten noch.

Dabei könnten die Bürgermeister ihre Unzufriedenheit einfach zum Ausdruck bringen, wie ein Aktionär treffend anmerkte: Wer mit der Atompolitik von RWE nicht einverstanden ist, kann seine Aktien ja verkaufen.

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