Juncker hielt Kriegsrat
Politik sucht Schutzwall gegen Arcelor-Coup

Frankreich und Luxemburg bauen eine Front im Kampf gegen den feindlichen Übernahmeversuch des europäischen Stahlriesen Arcelor durch den Weltmarktführer Mittal Steel auf.

HB PARIS. „Alle mobilisieren“, diese Losung gab Frankreichs Premierminister Dominique de Villepin aus. Fast unisono versucht die Politik deutlich zu machen, warum der Weltmarktführer Mittal den wichtigsten Konkurrenten nicht einfach so schlucken darf. „Mittal hat kein industrielles Konzept“, sagen alle Übernahmegegner wie im Chor, auch der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker. Am Mittwoch arbeiteten sie an der Seine daran, die Front gegen Mittal öffentlich gut sichtbar zusammenzuschweißen.

„Nicht nur die Aktionäre haben hier mitzureden“, so hat der Pariser Wirtschafts- und Finanzminister Thierry Breton die Politik ins Spiel gebracht. Während dieses Pokerspiel auf dem Gipfel der Stahlindustrie die politische Ebene also erreicht hat, setzt der britisch-indische Mittal-Chef darauf, mit einer Charme-Offensive nicht ganz wirkungslos zu bleiben. Zwei Ausschussvorsitzende des Parlaments in Paris zeigten sich anders als Breton recht angetan davon, dass Mittal eigens zu ihnen kam und seinen Coup erläuterte.

Die offene Frage vor sich herschiebend, welchen Hebel Politiker haben, wenn die Aktionäre über ein Angebot entscheiden müssen, hielt Juncker in Paris Kriegsrat. Luxemburg ist mit 5,6 Prozent der größte bekannte Arcelor-Einzelaktionär bei einem ansonsten gefährlich breit gestreuten Kapital. „Unsere Geigen sind gestimmt“, wusste Juncker schon vor seinem Treffen mit Präsident Jacques Chirac. Unterdessen sah es die französische Regierung als ihre Aufgabe an, die Aktionäre von Arcelor zur Wachsamkeit aufzurufen. Kann sie noch viel mehr tun?

Breton, der um sein nur begrenztes Instrumentarium im Kampf gegen die Übernahme weiß, demonstriert Entschlossenheit und macht - sicher auch mit Blick auf Aktionäre, die Mittals Offerte attraktiv finden könnten - den Angreifer wegen unterschiedlicher Unternehmenskultur madig. Sein Paradebeispiel für das, was ihm in dem Stahlpoker jetzt vorschwebt, stammt aus den USA. Dort stieß die chinesische Gruppe CNOOC vor einigen Monaten bei ihrem Versuch auf Granit, den sich sträubenden amerikanischen Ölkonzern Unocal zu übernehmen. „Das gesamte betroffene Umfeld in den USA stemmte sich (erfolgreich) gegen diese Methoden, die heute nicht mehr zeitgemäß sind“, betont Breton.

Die hohe Alarmstufe soll jedenfalls nichts mit „irgendeinem Protektionismus der Alten Welt einem großen aufstrebenden Land (Indien) gegenüber“ zu tun haben. Die Stahlindustrie gehört aber zu den Vorzeigebranchen Frankreichs. Und bei Arcelor arbeiten immerhin mehr als 27 000 Franzosen, die vor allem im Jahr vor Präsidenten- und Parlamentswahlen beruhigt werden müssen. Kein Wunder auch, dass die französischen Gewerkschaften hinter Arcelor-Chef Guy Dollé stehen.

„Seit dem angekündigten feindlichen Übernahmeversuch fühlen sich die meisten französischen Konzernchefs etwas mehr bedroht“, meinte die Pariser „Le Monde“. Die Börse unterstrich dies. In den Stunden nach Mittals Attacke auf ein Unternehmen der Schlüsselindustrie schnellten in Paris die Titel etwa von Danone, Total und Alcatel deutlich hoch. Vielleicht bricht Mittal einen Damm auch für andere?

Als 2005 das Gerücht umging, Pepsi wolle Danone schlucken, setzte Villepin das Schlagwort vom Wirtschaftspatriotismus dagegen, sagte aber auch: „Es ist zuerst an den Konzernchefs, feindliche Übernahmen zu verhindern.“ Den Gewerkschaften und Aktionären soll klar werden, dass die Politik „sie begleitet“, wenn die Globalisierung Fusionen mit einer riskanten Zukunft und Unternehmenskultur zu schaffen droht.

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