Kampf um Arcelor
Alles außer Mittal

Arcelor-Chef Guy Dollé hat seine entscheidende Trumpfkarte gespielt: Er gewann den russischen Multimilliardär Alexej Mordaschow als Partner, um die Übernahme durch den Stahlmagnaten Lakshmi Mittal zu vereiteln. Damit wird der Kampf um den umsatzstarken Stahlkonzern auch zu einem Duell zweier der reichsten Industriellen der Welt .

LONDON. Die Karten sind neu gemischt: Nach den neuen Fusionsplänen von Arcelor erwägt Mittal Steel keine Erhöhung seines Angebots für den Luxemburger Konkurrenten. Ein Zuschlag auf das vor einer Woche aufgestockte Gebot sei nicht geplant, sagte der Sprecher am Freitag. Eine mit der Angelegenheit vertraute Person sagte, das Gebot Mittals im Wert von rund 23 Mrd. Euro bleibe auf dem Tisch. „Es ist nicht notwendig, das Angebot zu erhöhen“, hieß es.

Arcelor hatte zuvor angekündigt, sich mit dem russischen Stahlkonzern Severstal zusammenschließen zu wollen. Bei dem Schritt würden Arcelor-Aktien um rund 20 Prozent höher bewertet als durch die Mittal-Offerte. Er gilt als ein Versuch des Luxemburger Konzerns, die Übernahme durch Mittal zu blockieren.

Mittal hatte den Braten gerochen: Mit der Erhöhung seines Angebots um 34 Prozent bot der Inder den Arcelor-Aktionären vor einer Woche ein Geschäft an, das man kaum ausschlagen kann. Er gab dabei sogar seine „heiligen Prinzipien“ preis, indem er 7,6 Mrd. Euro in bar drauflegte und auf die Mehrheit am Gesamtkonzern verzichtete. Viele Arcelor-Aktionäre rieben sich bereits die Hände.

Allerdings irritierte am Finanzplatz Paris die gelassene Reaktion der „Wirtschaftspatrioten“ in Paris. Hatte die französische Regierung Mittals erstes Angebot noch heftig attackiert, so erklärte Finanzminister Thierry Bréton nun lapidar: „Das müssen die Aktionäre entscheiden.“ Aber da wusste Bréton wohl schon, dass die Verhandlungen mit Mordaschow kurz vor dem Ziel waren und der russische Präsident Wladimir Putin einverstanden war.

Dollé handelte in der Übernahmeschlacht von Anfang an nach dem Motto „Alles außer Mittal“. So setzte er Himmel und Erde in Bewegung, um bei den beteiligten Regierungen, der EU-Kommission und den Aktionären Stimmung gegen den Inder zu machen. Er nannte Mittals für Arcelor gebotene Aktien „Affengeld“ und umgarnte die eigenen Aktionäre mit einer riesigen Sonderzahlung von fünf Mrd. Euro, die jetzt (ohne die 600-Millionen-Dividende) sogar bis auf sieben Mrd. aufgestockt wird. Außerdem versuchte er, Arcelor mit Firmenkäufen schwerer verdaulich zu machen und das Kapital mit Hilfe von Bündnispartnern von Korea über Japan bis Russland zu verriegeln.

Mit dem russischen Stahlkocher SeverStal scheint Dollé die entscheidende Trumpfkarte gefunden zu haben. Er nutzt dabei die Möglichkeit des Luxemburger Börsenrechts, das Arcelor-Kapital zu erhöhen und die jungen Aktien Mordaschow zu reservieren. Von „Affengeld“ ist dabei nicht die Rede. Der Anteil des Russen bleibt knapp unter 33 Prozent: Ab dann müsste er ein Angebot für das gesamte Arcelor-Kapital vorlegen. Arcelor erhält Mordaschows Stahlfirma und sogar noch 1,25 Mrd. bar in die Kasse. Mit Modaschows Anteil und dem alten Aktionärskern von 15 Prozent hat Dollé damit 47 Prozent des Stimmkapitals hinter sich. Sollte Mittal trotzdem noch eine Mehrheit an Arcelor bekommen, würde der Russlanddeal rückgängig gemacht. Mittal soll SeverStal nicht in die Finger bekommen.

Was will Mordaschow?

Satte 590 Mill. Dollar Synergien will Dollé aus der Übernahme von SeverStal schöpfen. Mit der Fusion schlägt der Franzose zudem Mittal ein starkes industriestrategisches Argument aus der Hand. Der Inder hatte geltend gemacht, Mittal Steel beziehe die Hälfte des Erzes aus eigenen Gruben und sei damit unabhängiger von den schwankenden Rohstoffpreisen. Mit SeverStal übernimmt Arcelor jedoch neben einer starken Stellung im Zukunftsmarkt Russland auch Erzwerke, Kohlegruben und den Geländewagenbauer UAZ. Eisenerz und Kokskohle beziehen die Russen ein Drittel unter Weltmarktpreisen. Zudem kennen sich Arcelor und SeverStal aus der gemeinsamen Fertigung galvanisierte Stahlplatten für die Autoindustrie.

Bleibt die Frage: Was will Mordaschow? Als Arcelor-Hauptaktionär dürfte er sich kaum mit Couponschneiden und dem Amt des Frühstücksdirektors begnügen. Fünf Jahre muss der Russe stillhalten und den Kurs des Managements akzeptieren. Danach ist Dollé (64) in Rente und Mordaschow angesichts der Zersplitterung des übrigen Arcelor-Kapitals der entscheidende Mann beim weltgrößten Stahlkocher. Bei Putin überzeugte Mordaschow mit dem Argument, er wolle SeverStal nach dem Vorbild von Gasprom zu einem transnationalen Weltmarktführer machen. Das Zentrum der Entscheidung bei Arcelor könnte also nicht von Luxemburg nach Amsterdam oder London rücken, aber nach Moskau.

Nach der Fusionsankündigung von Arcelor gehörten die Stahlwerte am Freitag zu den großen Gewinnern am Aktienmarkt. Thyssen-Krupp-Aktien stiegen als einer der stärksten DAX- Werte um 3,23 Prozent auf 27,14 Euro. Im MDAX zogen Salzgitter um 4,8 Prozent auf 63,40 Euro an. Weder Thyssen-Krupp noch Salzgitter wollten die Entwicklung im Kampf um die Zukunft von Arcelor kommentieren. Thyssen-Krupp hätte von einer Übernahme des Luxemburger Unternehmens durch Mittal Steel profitieren können. Für diesen Fall hatte Mittal bereits einen Verkauf des kanadische Stahlherstellers Dofasco an Thyssen-Krupp angekündigt.

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