Kauf von Syngenta
„Chemchina wird zum internationalen Player“

Der Staatskonzern Chemchina nimmt 43 Milliarden Dollar in die Hand, um Syngenta zu kaufen. Schwellenland-Experte Thilo Hanemann erklärt im Interview, warum dieser Deal erst der Anfang einer großen Welle sein könnte.

PekingChemchina will Sygenta schlucken: Das 43 Milliarden Dollar schwere Angebot könnte die größte chinesische Übernahme im Ausland aller Zeiten werden. Aus Sicht von Thilo Hanemann könnte das erst der Anfang sein. Als Direktor der New Yorker Rhodium Group analysiert er Chinas Griff nach Europa.

Was bedeutet das Angebot für globale Expansion chinesischer Unternehmen?
Das Wachstum chinesischer Auslandsinvestitionen ist kein neuer Trend, aber eine Übernahme von Syngenta wäre die größte chinesische Übernahme aller Zeiten. Der Deal zeigt zum einen Chinas wachsende Ambitionen und Chinas Selbstvertrauen. Zum anderen würde ein erfolgreicher Abschluss zeigen, dass chinesische Investoren in der Lage sind, ernstzunehmende ausländische Konkurrenten auszustechen und erfolgreich durch ein Minenfeld von komplexen Genehmigungen und politischer Opposition navigieren können.

Monsanto war bei Syngenta nicht zum Zug gekommen. Hat sich Chemchina geschickter angestellt?
Chemchina ist aus zwei Gründen zum Zug gekommen: Erstens hat es Zugang zu erheblichen finanziellen Ressourcen. Zweitens hat das Unternehmen derzeit keine große Marktpräsenz außerhalb Chinas und kann dadurch das Risiko minimieren, dass Wettbewerbsbehörden den Deal beenden. Eine Übernahme durch Monsanto oder ein anderes großes transnationales Unternehmen hätte ein sehr viel größeres Risiko dargestellt – aus der Sicht von Syngenta und deren Aktionären.

Wie wahrscheinlich ist, dass der Deal zwischen Chemchina in Europa und den USA genehmigt wird?
Der derzeitige Aktienpreis von Syngenta liegt auffällig weit unter Chemchinas Angebot, was heißt, dass der Markt ein erhebliches Risiko sieht, dass der Deal in seiner derzeitigen Form nicht genehmigt wird. Neben Wettbewerbsbehörden in Europa und anderen Ländern wird der Deal auch von CFIUS in den USA untersucht werden. CFIUS kann Übernahmen verhindern, wenn diese das nationale Sicherheitsinteresse der USA gefährden. Vor kurzem hat CFIUS einen anderen chinesischen Deal in Europa beendet: die Übernahme von Philips Lumileds. Bei Syngenta wird es hauptsächlich darum gehen, ob die Firma Regierungsaufträge in den USA besitzt, und ob Syngentas Technologie für China militärische Vorteile bringen könnte.

Chemchina hat als Staatskonzern besseren Zugriff auf Kredite von Staatsbanken. Verschafft das dem Konzern einen unfairen Wettbewerbsvorteil?
Wie auch bei anderen großen chinesischen Übernahmen kommt das Kapital für den Syngenta-Deal nicht direkt von chinesischen Staatsbanken, sondern wird von großen ausländischen Banken, unter anderem HSBC, mitfinanziert. Gleichzeitig genießen große Staatsfirmen wie Chemchina natürlich eine implizite Regierungsgarantie und haben dadurch einen gewissen Vorteil, um solche globalen Übernahmen zu finanzieren. Wenn sich diese Situation nicht ändert, muss man sich in Europa und anderswo Gedanken darüber machen, ob man Instrumente benötigt, um explizite und implizite staatliche Subventionen stärker zu disziplinieren.

Chemchina-Chairman Ren Jianxin ist in China exzellent politisch vernetzt. Wie wichtig sind heute politische Kontakte für große chinesische Unternehmen?
Gute politische Vernetzung ist sicherlich unerlässlich für ein großes chinesisches Unternehmen mit globalen Ambitionen. Gleichzeitig kann eine zu enge Nähe zur Politik auch negative Folgen haben. Die ehemaligen Lenker der großen chinesischen Ölkonzerne stecken tief im Strudel der derzeitigen Anti-Korruptionskampagnen. Außerdem ist eine zu große Nähe zur Politik sicherlich nicht unbedingt hilfreich im Ausland, wo Verbindungen zur Kommunistischen Partei und Industriepolitik längerfristig eher eine Bürde sind.

Chinas Präsident Xi Jinping hat die Forschung zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln zu einer Priorität erklärt. Wie könnte die Syngenta-Übernahme China Genforschungs-Sektor voranbringen?
Zugang zu Technologie und Know-how sind wichtige Ziele, die chinesische Unternehmen mit Übernahmen im Ausland und insbesondere Europa verfolgen. Die Übernahme von Syngenta wird Chinas Agrar- und Genforschungssektor sicherlich voranbringen. Kurzfristig wird dabei in erster Linie der rückständige einheimische Markt im Vordergrund stehen, aber mittel- und langfristig wird Chemchina durch diese Übernahme auch zu einem wichtigen internationalen Player, der direkt mit amerikanischen und europäischen Anbietern konkurrieren wird.

Thilo Hanemann ist Direktor der New Yorker Rhodium Group und Senior Policy Fellow beim Berliner Chinaforschungsinstitut Merics. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt in der Analyse des Aufstiegs von Schwellenländern zu globalen Investoren. Dazu untersucht er unter anderem die Beteiligungen und Übernahmen chinesischer Firmen in Europa.

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