Kaufrausch war politisch getrieben
Indiens vergeigte Einkaufstour

Mit spektakulären Firmenübernahmen haben Indiens Familienkonzerne in den vergangenen Jahren weltweit Schlagzeilen produziert. Jetzt stellt die Wirtschaftskrise das Urteilsvermögen der erfolgsverwöhnten Wirtschaftstycoone auf ihrer Shoppingtour infrage. Viele Übernahmen entpuppen sich als teure Verlustbringer, manchen Konzernen droht gar das Aus.

NEU-DELHI. Milliardenakquisitionen wie der britische Stahlhersteller Corus, der Autobauer Jaguar Land Rover und der kanadische Aluminiumkonzern Novelis haben sich als überteuert herausgestellt und schreiben tiefrote Zahlen. Manch einer der scheinbar preisgünstig übernommenen Mittelständler dürfte die Krise nicht überleben.

Erstes Opfer ist der von Indiens größtem Industriekonzern Reliance Industries erworbene Textilfaser-Produzent Trevira. Das Unternehmen aus dem schwäbischen Bobingen mit 1 800 Beschäftigten musste am Mittwoch die Insolvenz anmelden. Als Gründe nannte Reliance den Nachfrageeinbruch sowie den harten Preiskampf mit Anbietern aus Osteuropa und Asien.

Dass die Krise ausgerechnet Trevira als erste indische Übernahme in die Pleite schickt ist Ironie des Schicksals. Mit dem Erwerb durch Reliance im Jahr 2004 für 80 Mio. Euro ging damals die Einkaufstour der Inder in Deutschland richtig los. Jetzt gibt Trevira den Startschuss für möglicherweise weitere schlechte Nachrichten. So wird auch der indische Pharmahersteller Dr. Reddy’s mit seiner 2006 erworbenen deutschen Tochter Betapharm nicht glücklich. Zuletzt schrieb Dr. Reddy’s 215 Mio. Euro auf seine Akquisition ab – rund die Hälfte des Kaufpreises. Betapharm leidet unter dem Preisdruck auf dem Generikamarkt. Um Kosten zu senken, wurden bereits Teile der Produktion von Augsburg nach Indien verlegt.

In Großbritannien, der ehemaligen Kolonialmacht, der es die Inder so richtig zeigen wollten, läuft es freilich noch schlechter. 2007 kaufte Tata Steel den britisch-niederländischen Stahlkonzern Corus für 9,1 Mrd. Euro. Es war die bisher teuerste indische Übernahme – getätigt auf dem Höhepunkt des Stahlbooms. Inzwischen ist die Stahlnachfrage im Keller und Corus macht Schlagzeilen mit Stellenabbau sowie der drohenden Schließung seines Traditionswerks im nordenglischen Teesside. Jaguar Land Rover, von Tata Motors ein Jahr später für umgerechnet 1,7 Mrd. Euro gekauft, schreibt ebenfalls hohe Verluste und muss die britische Regierung um einen Nothilfekredit angehen. Zerknirscht räumte Tata-Vorstandschef Ratan Tata in einem Interview kürzlich ein, Jaguar zu einer „unpassenden Zeit“ erworben zu haben.

„Indiens Unternehmen werden künftig bei Übernahmen vorsichtiger sein“, glaubt Deepak Parekh, Vorstandschef von Indiens führender Hypothekenbank HDFC und einer der angesehensten Wirtschaftsführer des Landes. Viele hätten just zu dem Zeitpunkt gekauft, als die Preise auf dem Höchststand waren. Das waren freilich zugleich die Jahre vor dem Finanzcrash, in denen es billige Kredite im Überfluss gab. Die Inder machten davon reichlich Gebrauch. Jetzt leiden sie nicht nur unter der Absatzkrise, sondern auch unter ihren hohen Schulden. Tata Motors etwa konnte den Anfang Juni fälligen Milliardenkredit für die Jaguar-Übernahme nur dank einer Garantie von Indiens größter staatlicher Bank umschulden. Banker Parekh ist sich deshalb sicher, dass in Zukunft die langfristige Finanzierung viel größere Aufmerksamkeit bekommt.

Der unerwartete Kaufrausch, der Indiens Wirtschaft mit einem Mal weltweit in den Fokus rückte, hatte überwiegend politische Triebfedern. Ab 2002 lockerte die Regierung in Neu-Delhi schrittweise die strengen Beschränkungen für Auslandsinvestitionen indischer Unternehmen. Die Furcht vor dem Abfluss heimischen Kapitals machte dem Stolz über die Champions vom Subkontinent Platz. 2004 schließlich wurde die Finanzierung durch ausländische Banken erlaubt. In den folgenden vier Jahren bis 2008 vollzogen Indiens Unternehmen laut der Beratungsfirma Dealogic 850 Fusionen und Übernahmen im Ausland, Volumen mehr als 75 Mrd. Dollar. Aber viele der Deals, etwa der Kauf des kanadischen Aluminiumherstellers Novelis durch den Konkurrenten Hindalco, sind heute Verlustbringer.

Die Einkaufslust ist stark abgekühlt, obwohl die Preise niedrig sind und viele indische Konzerne deutlich weniger unter der Krise leiden als ihre Wettbewerber im Westen. Laut Dealogic gab es in diesem Jahr bis Anfang Mai erst 34 Übernahmen – ganz ist der Appetit den Indern nicht vergangen. Der größte Mobilfunkbetreiber Bharti Airtel kündigte vergangene Woche sein Interesse an einer Fusion mit Südafrikas Nummer eins, MTN, an. Der Wert des Deals beträgt 16 Mrd. Euro.

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