Kernkraft Deutsche Versorger stellen Atomausstieg in Frage

Die deutschen Stromkonzerne stellen den im Jahr 2000 vereinbarten Atomausstieg in Frage. Vor allem die ursprünglich für diese Legislaturperiode vereinbarte Stilllegung der Kernkraftwerke Biblis A, Neckarwestheim I und Brunsbüttel wollen die Energieversorger offenbar kippen.
RWE hat einen Antrag auf Laufzeitverlängerung für das Atomkraftwerk Biblis A gestellt. Foto: ap

RWE hat einen Antrag auf Laufzeitverlängerung für das Atomkraftwerk Biblis A gestellt. Foto: ap

HB BIBLIS. Der Energiekonzern RWE beantragte am Dienstag in einem Pilotverfahren beim Bundesumweltministerium, Deutschlands ältestes Atomkraftwerk Biblis A länger nutzen zu dürfen als bislang geplant. Statt 2008 soll der wegen zahlreicher Pannen umstrittene Reaktorblock frühestens 2011 vom Netz gehen.

Der Stromversorger Energie Baden-Württemberg (EnBW) will für sein Kernkraftwerk Neckarwestheim I ebenfalls längere Laufzeiten beantragen. Der Energiekonzern Vattenfall prüft einen ähnlichen Schritt für sein Kernkraftwerk Brunsbüttel.

Das Vorgehen der Stromkonzerne enthält politischen Sprengstoff. Denn wenn es den Unternehmen gelänge, die im Atomkompromiss des Jahres 2000 vorgesehene Stilllegung der Kernkraftwerke in dieser Legislaturperiode auszuhebeln, bestünde nach der Bundestagswahl 2009 die Möglichkeit, den von rot-grün eingeleiteten und von der großen Koalition bislang nicht angetasteten Atomausstieg ohne große Substanzverluste für die deutsche Stromwirtschaft rückgängig zu machen.

RWE wolle einen Rahmen dafür schaffen, dass nach dem Bundestagswahljahr 2009 „eine langfristige Entscheidung für Kernenergie möglich ist“, räumte der Chef von RWE Power, Jan Zilius, ein. Gefahren sieht der Manager in dem Weiterbetrieb der Altanlagen nicht. „Ein Weiterbetrieb ist aus Sicht des Unternehmens technisch uneingeschränkt möglich, sicherheitstechnisch voll verantwortbar und wirtschaftlich geboten.“

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel kündigte an, sein Haus werde den Antrag des RWE nach Recht und Gesetz prüfen. Allerdings sei im Atomgesetz die von RWE beantragte Übertragung von Strommengen des bereits im Rückbau befindlichen Reaktors in Mülheim-Kärlich auf Biblis A so nicht vorgesehen. SPD-Fraktionschef Peter Struck sagte, er gehe davon aus, dass der Antrag des RWE abgelehnt werde.

Bei Atomkraftgegnern sorgte das Vorgehen des Essener Stromgiganten für Empörung. Die Bundestagsfraktion der Grünen kündigte eine Renaissance des Widerstands gegen die Kernenergie an. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace verwies auf ein Rechtsgutachten, nach dem die Übertragung von Strommengen auf Biblis A schon aus Sicherheitsgründen rechtlich nicht möglich sei. „Biblis darf nicht länger laufen, das würde die nukleare Gefahr in Deutschland erheblich erhöhen“, sagte der Greenpeace-Atom-Experte Thomas Breuer. NABU-Präsident Olaf Tschimpke rügte: „Mit diesem Vorstoß reißt RWE aus reiner Profitgier gesellschaftliche Gräben wieder auf, die gerade mal im Ansatz zugeschüttet waren.“

RWE-Power-Chef Zilius betonte dagegen: Eine längere Laufzeit der Kernkraftwerke könne sich auch preisdämpfend auf die hohen Stromkosten auswirken. Der Konzern beantragte, insgesamt 30 Terawattstunden aus dem Stromkontingent des nie kommerziell in Betrieb gegangenen Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich auf Biblis A übertragen zu dürfen.

Sicherheitsbedenken wegen eines mangelhaften Schutzes des Reaktors vor Flugzeugabstürzen und des Fehlens einer externen Notstandswarte wies Zilius zurück. Biblis A habe ein hohes Sicherheitsniveau. Dies habe die hessische Atomaufsichtsbehörde erst in diesem Jahr bestätigt.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%