Klagewelle gegen Boehringer Ingelheim
Wie gefährlich ist der Blutverdünner Pradaxa?

Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim wird in den USA massenhaft verklagt. Durch den Blutverdünner Pradaxa soll es zu tödlichen Blutungen kommen können. Es geht um 500 Todesfälle. Der Konzern gibt sich kämpferisch.
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WilmingtonHarold Asher kam nie auf die Idee zu fragen, warum die Ärzte seiner Frau den Blutverdünner Pradaxa von Boehringer Ingelheim verschrieben haben. Barbara Jean Asher erholte sich von einem Schlaganfall und nahm Pradaxa drei Monate lang ein, um die Gefahr eines weiteren Vorfalls zu mindern. Im Juni 2011 wurde sie dann mit inneren Blutungen in ein Krankenhaus eingeliefert.

Sie waren tödlich für die 72-Jährige. Ihre Familie verklagt jetzt das Unternehmen aus Ingelheim am Rhein und gibt ihm die Schuld an dem Tod. Sie sagen, dass es den Ärzten nicht möglich gewesen sei, die Blutungen zu stoppen.

„Meine Generation macht, was Ärzte sagen”, erklärt der 77-jährige Harold Asher im Telefoninterview den Wechsel von einem anderen Blutverdünner hin zu Pradaxa. „Da werden keine Fragen gestellt.”

Hunderte von Patienten und ihre Familien stellen jetzt die Frage, ob die Führungsspitze von Boehringer wusste, dass Pradaxa für einige ein tödliches Risiko darstellen könnte, als das Mittel im Oktober 2010 auf den US-Markt kam. Im Gegensatz zu älteren Arten von Blutverdünnern gibt es für Pradaxa Forschern zufolge kein Gegenmittel, um die Wirkung umzukehren.

Pradaxa hat dem Privatunternehmen Boehringer - dem größten Pharmakonzern in Familienbesitz - weltweit Einnahmen in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar beschert. Forschungen haben erwiesen, dass das Mittel effektiver Schlaganfälle verhindert als ältere Medikamente wie Coumadin von Bristol-Myers Squibb Co.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurde Pradaxa mit 500 Todesfällen in den USA in Verbindung gebracht. Mehr als 150 Klagen wurden gegen Boehringer eingereicht. Der Vorwurf lautet, dass das Mittel verkauft wurde, obwohl dem Unternehmen bekannt war, dass es bei einigen Patienten zu tödlichen Blutungen kommen kann. Die Anwälte der Kläger rechnen damit, dass in den kommenden Jahren Tausende weiterer Fälle hinzukommen werden.

Boehringer gab am 2. Oktober bekannt, dass bis zu dem Zeitpunkt 120 Klagen eingereicht wurden. Weitere 34 sind seither hinzugekommen, die meisten davon im US-Bundesstaat Illinois, wie aus Gerichtsunterlagen hervorgeht.

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„Ein wirklich unvollkommenes Mittel“

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  • Meine Marcumar-Verordnung lautete: Montags: 3/4 Tablette, dienstags: 1 Tablette, mittwochs: 3/4 Tablette, donnerstags: 1 1/4 Tablette, freitags: 3/4 Tablette, samstags: 1 Tablett, sonntags: 3/4 Tablette. Bei diesen Dosierungen lag ich im therapeutischen Bereich von 2 - 3 INR.
    Das zeigt schon, daß nicht jeder geeignet ist, Marcumar einzunehmen. Es kommt auf die Vierteltablette an! Nur Personen, die die so verordnete Einnahme konsequent, also verläßlich tätigen, optimieren Risiken (nach unten) und Chancen, die Marcumar bieten. Es scheiden also aus: alle Personen, die kraft Alters diese zuverlässige Einnahmepraxis nicht mehr leisten können, alle dementen Personen, überwiegend auch die Personen, die auf Pflege angewiesen sind und schließlich auch Personen, die Schwierigkeiten bei der Teilung der (kleinen) Marcumar-Tabletten haben. Ich bin überzeugt, untersuchte man die von meinem Vorkommentator erwähnten Hirnblutunen auf die vorerwähnten Personen, so würden sie diese tragischen Wirkungen relativieren, und zwar zu Gunsten derjenigen Patienten, die geistig klar und flexibel, erkenntnisfähig und auch sonst körperlich geeignet sind, Marcumar zuverlässig einzunehmen. Für alle diese ist das teure Pradaxa gar nicht erforderlich. Aber für die Personen, die mit Marcumar nicht versorgt werden können bzw. selbst das nicht können ist Pradaxa sicherlich ein Segen.

  • Die Alternative für die meisten Patienten, bei denen eine Therapie mit Pradaxa indiziert ist, ist das Antikoagulans (Blutveredünnungsmittel) Phenprocoumon - bekannter unter dem Namen des Orginalpräparates Marcumar.
    Pradaxa hat gegenüber Marcumar u.a. den Vorteil, dass nicht ständig der INR-Wert bestimmt werden muss. Dieser Gerinnungswert liefert dem Arzt die Information, ob die Dosierung im therapeutischen Bereich liegt oder nicht. Ist der Wert zu hoch, drohen ebenfalls lebensgefährliche Blutungen, liegt er (dauerhaft) zu niedrig, kann es z.B. zu tödlichen Embolien kommen. Nun ist es allerdings so, dass selbst bei Marcumar-Patienten, die als "gut" eingestellt gelten, dieser INR-Wert signifikant eben NICHT im therapeutischen Bereich liegt, sondern darüber oder darunter. Denn Marcumar besitzt zahlreiche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, sogar die Art der Ernährung spielt für die Wirkung des Medikamentes eine nicht unerhebliche Rolle. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass INR-Kontrollen beim Hausarzt - natürlich aus Kostengründen - seltener stattfinden als in der Klinik.
    Pradaxa besitzt hier gegenüber Marcumar also einen entscheidenden Vorteil, eine Pradaxa-Dauertherapie ist aber wesentlich teurer als eine Marcumartherapie, weshalb die Hausärzte - natürlich wieder aus Kostengründen - Marcumar den Vorzug geben. Und die Nebenwirkungen von Marcumar werden hingenommen, dagegen wird nicht geklagt, dabei sehe ich in der Klinik, in der ich arbeite, fast wöchentlich eine Hirnblutung unter Marcumar...

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