Klimawandel
Wasserwirtschaft muss umdenken

Dürre. Das Wort klingt nach flirrender Hitze, nach Afrika, nach weit weg. Doch Wasserknappheit beschränkt sich nicht auf arme Länder, sie wird auch die Industriestaaten treffen, denn hier werden Zahl und Intensität der Trockenperioden – als Folge des Klimawandels – ebenfalls zunehmen.

DÜSSELDORF. Besonders betroffen sind die Mittelmeeranrainer. Südeuropa ist regenärmer, der hohe Bedarf der Landwirtschaft verschärft noch die Wasserknappheit. In Italien, Spanien und Griechenland entfallen 50 bis 80 Prozent der Wassernutzung auf die Landwirtschaft. Um den Mangel zu lindern, favorisiert die spanische Regierung ein riesiges System aus Röhren und Kanälen, das bis 2008 den Pyrenäen-Fluss Ebro im Norden mit den Obst- und Gemüsefeldern im Süden verbinden soll. Doch Naturschützer und Wasserwirtschaftsexperten sind skeptisch, sie befürchten eine ökologische Katastrophe im Ebro-Delta. Sie setzen stattdessen auf Anlagen zur Entsalzung von Meerwasser und konsequentes Wassersparen.

Solche Sorgen hat das verregnete Deutschland noch nicht. „Eine mögliche Beeinträchtigung der Trinkwasserversorgung wird nicht diskutiert“, sagt Bernhard Hörsgen, Technischer Vorstand der Gelsenwasser AG. Aber niedrigere Flusspegelstände im Sommer und die Konzentration der Niederschläge auf kürzere Zeiträume betreffen auch die heimische Wasserwirtschaft. Bodo Weigert vom Kompetenzzentrum Wasser in Berlin sieht Abwasserbehandlung und Niederschlagsableitung als große Herausforderungen. Starkregenfälle führen immer häufiger zu Überschwemmungen, da das Kanalnetz für diese kurzfristig auftretenden Wassermassen nicht reicht. „Die Hochwasserschäden treffen besonders Versicherer und die Organisatoren der städtischen Infrastruktur“, sagt Weigert. Bei gleicher Gesamtniederschlagsmenge werden nach Erkenntnis der Klimaforschung außerdem Schneefälle ab- und Regenfälle zunehmen. Das wiederum wird die Abflusscharakeristik der großen Flüsse verändern. Sie werden künftig im Winter deutlich mehr dafür aber im Sommer deutlich weniger Wasser führen. Beides betrifft unmittelbar die Binnenschifffahrt.

Vor allem im Sommer könnte ein weiteres Problem auftreten: Die Möglichkeiten zur Kühlwasserentnahme für Kraftwerke und Industriebetriebe wären bei niedrigen Pegelständen stark eingeschränkt. Einen Vorgeschmack lieferte die Hitzewelle in diesem Jahr. Ende Juli schossen aus Furcht vor Versorgungsknappheit die Preise an der Leipziger Strombörse in die Höhe, ein Chemieunternehmen in Ostdeutschland musste Wasser aus Talsperren zukaufen, um die Produktion aufrecht zu erhalten.

Klimaforscher halten es für wahrscheinlich, dass die Wasserknappheit in Ostdeutschland zunehmen wird, während es im Westen häufiger regnet. „Im Osten kann ein weiterer Rückgang der Sommerniederschläge nicht mehr durch das bisherige wasserwirtschaftliche Regime ausgeglichen werden“, sagt Frank Wechsung vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Die Folgen für die Landwirtschaft, die Industrie, den Tourismus und auch für das Trinkwasserangebot wären ohne Anpassung gravierend. Zwar würden mit der Flutung ausgekohlter Tagebaue im Raum Cottbus und bei Leipzig erhebliche Reservekapazitäten geschaffen. Diese können das Problem aber nicht beseitigen: Um es stärker zu lindern, könnte überschüssiges Wasser aus dem Westen über das vorhandene Kanalsystem in den Osten umgeleitet werden. „Die Verfügbarkeit von Wasser ändert sich. Und damit wohl auch der Preis“, sagt Wechsung.

„Die bisherigen Wassermanagement-Praktiken stellen, was den Umgang mit der Wasserknappheit angeht, kein Modell für die Zukunft dar,“ warnt Frank Rijsberman, Generaldirektor des International Water Management Institute. Bisher war man der Meinung: Wasser kostet nichts, es kommt nur darauf an, es zu speichern und den Menschen ungeachtet der Umweltfolgen zur Verfügung zu stellen. Zwar können die Industriestaaten neue Wasserquellen erschließen. „Jedoch stehen die für den Bau neuer Mega-Staudämme, tieferer Brunnen, neuer Entsalzungsanlagen sowie zusätzlicher Flussumleitungen erforderlichen Kosten in keinem Verhältnis zu einer vorausschauenden Wasserpolitik“, sagt Süßwasser-Experte Martin Geiger von der Umweltorganisation WWF.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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