KlöCo will sich zunächst entschulden
Finanzkrise zwingt Klöckner zum Strategieschwenk

Die Finanzkrise zwingt den Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co zu einem Schwenk in der Strategie: Der Konzern werde vorerst auf weitere Zukäufe verzichten, weil sich Finanzierungskonditionen nachhaltig verschärften, sagt Klöckner-Chef Thomas Ludwig im Gespräch mit dem Handelsblatt.

DÜSSELDORF. Lange Zeit sah es so aus, als würde die Stahlindustrie das Sturmtief auf den internationalen Finanzmärkten schadlos überstehen. Wichtige Produzenten wie Weltmarktführer Arcelor-Mittal oder die beiden größten deutschen Stahlkocher Thyssen-Krupp und Salzgitter hoben noch zu Beginn des vierten Quartals ihre Verkaufspreise ein weiteres Mal an. Er sei überzeugt, dass der Markt die höheren Preise auch in der derzeitigen Phase hergebe, äußerte sich Salzgitter-Chef Wolfgang Leese auf dem Gipfeltreffen der Stahlindustrie Anfang Oktober zuversichtlich. Auch Karl-Ulrich Köhler, der Stahlchef von Thyssen-Krupp, sprach von einer „robusten Lage“.

Doch heute, nur zwei Wochen später, zweifelt in der bisher so hoffnungsvollen Branche niemand mehr daran, dass die Stahlindustrie nach fast sechs Boomjahren in Folge rauen Zeiten entgegensieht. Die Stimmung hat sich dramatisch verschlechtert, die Aktienkurse der Stahlkonzerne befinden sich schon seit Monaten im freien Fall.

Der Börsenwert von Branchenprimus Arcelor-Mittal etwa hat seit Juni zwei Drittel seines Wertes verloren. Mit einem aktuellen Kurs um 21,50 Euro ist das Papier sogar billiger als vor der bislang teuersten Übernahme in der Stahlindustrie: Im Juni 2006 hatte Lakshmi Mittal, Gründer, Vorstandschef und Hauptaktionär von Mittal Steel, nach einem harten Übernahmekampf für 26 Mrd. Euro den Branchenzweiten Arcelor mit Sitz in Luxemburg übernommen.

Um den Preisverfall an den Spotmärkten zu stoppen, wird Arcelor Mittal die Produktion weltweit um 15 Prozent kürzen. Andere Konzerne folgen dem Beispiel des Branchenprimus, der pro Jahr 130 Millionen Tonnen Stahl produziert. Das ist fast die vierfache Menge des nächstgrößten Konkurrenten und etwa zehn Prozent des weltweiten Stahlangebots. Ob Posco in Südkorea, die inzwischen zum indischen Tata-Konzern gehörende britisch-niederländische Corus-Gruppe oder die russische Nummer eins Severstal: Stahlhersteller treten kräftig auf die Bremse, da wichtige Kunden schwächeln.

Die momentane Verunsicherung der meisten Unternehmenslenker ist so groß, dass sich der Weltstahlverband IISI außer Stande sieht, eine neue Prognose für das Jahr 2009 abzugeben. Im Frühsommer waren die Konzernchefs noch von einem Anstieg des weltweiten Stahlverbrauchs im nächsten Jahr von 5,2 Prozent ausgegangen. Das gilt vielen Managern heute als zu optimistisch. „Die Dauer dieser Krise und ihre Auswirkungen sind außerhalb unserer Kontrolle“, konstatiert Guillermo Vogel vom IISI ein wenig hilflos. Erst in einigen Monaten werden die Absatzschwäche bei den Autobauern oder die Krise am Bau mit voller Wucht auf die Erfolgsrechnungen der Stahlproduzenten durchschlagen.

Salzgitter scheint auf dem Papier (siehe Kennzahlenvergleich) am besten für einen Abschwung gerüstet zu sein. Der Stahl- und Röhrenkonzern verfügt über hohe flüssige Mittel, wodurch die Tilgung der kurzfristigen Finanzverbindlichkeiten problemlos möglich sein sollte. Mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 50 Prozent verfügt Salzgitter zudem über einen starken Puffer – sollten die Erträge 2009 volatiler werden. Mit Blick auf den positiven Free Cash-flow deutet jedoch nichts daraufhin, dass die Kapitalbasis in der nahen Zukunft angegriffen wird.

Thyssen-Krupp und Klöckner & Co dagegen generieren derzeit negative Cash-flows. Bei Thyssen-Krupp schlagen vor allem hohe Vorleistungen für zwei Großprojekte in Süd- und Nordamerika zu Buche. Dort investiert der Konzern insgesamt mehr als acht Mrd. Euro in den Bau neuer Stahlwerke. Der Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co beschleunigt nun den Abbau des Nettoumlaufvermögens, um den Mittelzufluss zu erhöhen. Außerdem wird die bisherige Akquisitionsstrategie vorerst ausgesetzt (siehe Interview). Dennoch reichen die flüssigen Mittel zur Rückzahlung der kurzfristigen Verbindlichkeiten in beiden Unternehmen aus. Die Eigenkapitalquoten sind mit 27,4 Prozent (Thyssen) und 28,5 Prozent bei Klöckner ordentlich.

Ein differenzierteres Bild ergibt sich bei Arcelor-Mittal. Die flüssigen Mittel sind im Vergleich zu den kurzfristigen Finanzverbindlichkeiten schwach. 2007 konnte das Unternehmen zwar noch einen hohen Free Cash-flow von 3,4 Mrd. Euro erzielen. Sollte das Ergebnis 2009 deutlich sinken, könnte dies die Fähigkeit des Konzerns beeinträchtigen, seine Schulden zu tilgen. Noch demonstriert Mittal Stärke. Der Gewinn im zweiten Halbjahr 2008 werde höher ausfallen als in den ersten sechs Monaten, ließ Konzernchef Mittal besorgte Anleger wissen. Für die Monate Januar bis Juni hatte Arcelor-Mittal ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 8,6 Mrd. Euro gemeldet.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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