Knorr-Bremse contra ZF
Wenn keiner bremst

Wenige Tage vor der Nutzfahrzeug-IAA in Hannover wird die Übernahmeschlacht um Haldex immer bizarrer. Entscheidet jetzt ein „unmoralisches Angebot“ oder kehren die Kontrahenten zur Vernunft zurück? Ein Kommentar.

Erst am Donnertag hatte das Handelsblatt dem Eigentümer von Knorr-Bremse in einem Kommentar seine letzte Option aufgezeigt, um beim umworbenen schwedischen Bremsenhersteller Haldex noch zum Zug zu kommen: Es bleibe nur noch ein „unmoralisches Angebot“. Keine zwölf Stunden später kam es: Heinz Hermann Thiele überbot den Konkurrenten ZF um 73 Millionen Euro. Mangelnden Mut kann man Thiele nun wirklich nicht absprechen. Knorr-Bremse mit 5,8 Milliarden Euro Umsatz hat offensichtlich keine Angst, sich mit dem fünfmal größeren ZF anzulegen. „Wir machen nichts Irrationales“, versicherte Knorr-Bremse-Vorstandschef Klaus Deller in einer Telefonkonferenz. 580 Millionen Euro bedeuten 79,6 Prozent mehr als das Unternehmen durchschnittlich im vergangenen halben Jahr an der Börse wert war. Mit einer vorzeitigen Aufgabe hatte bei ZF zwar niemand gerechnet. Aber dass Knorr-Bremse so schnell und so hoch konterte, überraschte am Bodensee schon.

Jetzt wird es sportlich: ZF-Chef Stefan Sommer reagierte ebenso schnell und erhöhte sein Angebot am Freitagnachmittag von 110 auf 120 Schwedische Kronen. Er blieb fünf Kronen unter dem Knorr-Angebot. Er wähnt offensichtlich die Trümpfe dennoch in seiner Hand: ZF hat bereits alle kartellrechtlichen Genehmigungen eingeholt, wird vom schwedischen Management begrüßt und hält bereits über 21 Prozent der Haldex-Aktien.

Knorr-Bremse hat dagegen nur 11,3 Prozent, hat keine kartellrechtlichen Genehmigungen und auch keine Zustimmung des Managements, aber legt eben ein sehr hohes Angebot auf den Tisch. Die Münchener setzen auf die Börsenweisheit vom gierigen Aktionär und dass am Ende nur der Preis zählt. Laut Knorr-Bremse gibt es bereits positive Signale von Investoren.

Auch ZF will sich die schwedischen Druckluftbremsen für LKWs unbedingt sichern. Es geht auch um Systemkompetenz für autonomes Fahren – oder besser gesagt autonome Bremsen. Marktführer Knorr-Bremse hingegen will verhindern, dass ein neuer starker Wettbewerber entsteht und es lockt die Kompetenz der Schweden bei Anhänger-Bremsen.

Schon seit Jahren gibt es am Bodensee intensive Überlegungen, wie man sich Zugang zu Bremstechnik verschaffen könnte. Sie gilt als  natürliche Ergänzung der Getriebe- und Fahrwerkstechnik. Durch den Traum vom selbstfahrenden LKW kam zusätzlichen Schwung in die Überlegungen. Haldex soll die Lösung sein.

Es sieht nach einer beinharten Auseinandersetzung aus. ZF könnte auch auf Zermürbung setzen. Es fehlen keine vier Prozent für eine Sperrminorität bei Haldex. Das wäre eine ganz besonders dicke Giftpille für Knorrs Ambitionen. „Ich hoffe, beide Seiten verhalten sich rational“, betonte der Knorr-Chef. Zum Showdown kommt es spätestens am kommenden Mittwoch auf der IAA. Da können sich die Kontrahenten tief in die Augen schauen. Die beiden Pressekonferenzen liegen direkt hintereinander. Bleibt spannend, aber nur rational ist die Auseinandersetzung spätestens dann bestimmt nicht mehr.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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