Der Weltmarktführer für Zug- und LKW-Bremsen, Knorr-Bremse, will seine Stellung weiter ausbauen. Aufsichtsratschef und Mehrheitseigentümer Heinz-Hermann Thiele plant, durch einen Zukauf die Erlöse von 3,2 Milliarden Euro auf vier Milliarden Euro zu steigern.
MÜNCHEN. „Es kommt jetzt darauf an, dass wir die richtige Firma kaufen. Eine Akquisition über eine Milliarde Euro könnten wir ohne Probleme stemmen“, sagt Thiele im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er ließ offen, ob der Kauf das LKW- oder Zuggeschäft stärken soll.
Thiele hat das Unternehmen 22 Jahre geführt. Im April wechselte er an die Spitze des Aufsichtsrates. Mit seinem neuen Vorstandschef Raimund Klinkner gebe es eine klare Vereinbarung. „Bis April coache ich ihn, dann werde ich mich teilweise aus der operativen Arbeit zurückziehen“, sagt Thiele. „Ich bin sicher, der Laden funktioniert auch ohne mich.“
Mit dem ehemaligen Gildemeister-Manager Klinkner startet Thiele den zweiten Versuch, einen Nachfolger zu installieren. Der erste Anlauf schlug fehl, als der designierte Kronprinz Dietmar Straub das Unternehmen im Herbst 2005 überraschend verließ.
2007 ist aus mehreren Gründen ein Übergangsjahr. So läuft das Geschäft gut, doch eine Änderung der Abgasregeln für Trucks in den USA dürfte die Knorr-Bremse 140 Millionen Euro Erlös kosten. „Wir konnten dies aber dank des brummenden Geschäfts in Europa mehr als kompensieren“, sagt Thiele. Zudem meldete die Bahnsparte erst am Montag eine Bestellung über 140 Mill. Euro für Brems- und Türsysteme aus Australien. 3,22 Mrd. Euro will das Unternehmen in diesem Jahr erlösen, das wären drei Prozent mehr als 2006 – eine für Thiele vergleichsweise bescheidene Größe.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat der Industrie-Kaufmann die Knorr-Bremse von einem Sanierungsfall in ein Weltunternehmen verwandelt. 1985 drohte sich die Firma wegen eines bizarren Familienstreits selbst auszubremsen, Investoren machten einen weiten Bogen. Vertriebschef Thiele sollte im Auftrag der Deutschen Bank das Unternehmen verkaufen – und griff am Ende mangels Interessenten selber zu.
Fortan formierte er das Traditionsunternehmen „mit wilder Entschlossenheit“ zu einem Global Player. Für den Konzern arbeiten 13 000 Beschäftigte, davon nur noch 3 000 in Deutschland. In 100 Ländern ist die Knorr-Bremse vertreten. „Die ersten sieben Jahre der Sanierung und des Wiederaufbaus, das waren brutale Jahre“, sagt Thiele. Das Unternehmen hing vor allem am Hauptkunden Deutsche Bahn. Die bestellte aber immer weniger. Und auch im Geschäft mit LKW-Bremsen waren die Münchener nur Regionalmacht. Ein Strategiewechsel musste her. Berater empfahlen Thiele den Umstieg auf die Nische Industriepneumatik. „Hätten wir das getan, gäbe es uns womöglich heute nicht mehr.“
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Thiele blieb den Bremsen treu, verlagerte Produktion und Absatz. Sein Ziel: Kosten- und Systemführer. Die ersten Gewinne investiert er im Ausland. In den USA übernimmt die Knorr-Bremse mit der New York Air Brake und Westinghouse die wichtigsten Anbieter für Zugbremsen und steigt nach dem Kauf von Bendix auch zum Marktführer im LKW-Geschäft auf. „Aberwitzig, aber erfolgreich“ nannte ein Branchenmanager den internationalen Expansionskurs. In Deutschland einigt sich Thiele mit Bosch auf ein Gemeinschaftsunternehmen für LKW-Bremsen, Bosch hat heute nur noch die Juniorrolle.
Bislang geht die Rechnung auf, Thiele hat die globalisierten Märkte für Bremstechnik im Griff. So hält die Knorr-Bremse bei Zug- und LKW-Bremsen einen Marktanteil von jeweils 40 Prozent – weltweit. Die Konkurrenz ist in dem konzentrierten Markt überschaubar: Bei Schienenfahrzeugen außerhalb Amerikas ist es Faiveley aus Frankreich, bei Nutzfahrzeugen der US-Konzern Wabco.
„Er verhandelt hart in der Sache, hat dabei aber stets das Ziel einer guten Zusammenarbeit im Auge. Das schätze ich sehr“, sagt MAN-Chef Håkan Samuelsson über Thiele. Härte zeigte Thiele vor allem gegenüber der IG Metall. Kürzlich hat er für die deutschen Werke die 42-Stunden-Woche eingeführt, ohne Lohnausgleich. Die deutschen Standorte sollen vor allem in der Entwicklung wachsen. Mit einer Imagekampagne wirbt das Unternehmen um Ingenieure.
Der Patriarch will das Unternehmen weiter in Familienhand halten, einen Börsengang schließt er aus. Die Gewinne bleiben in der Firma oder werden in einer Dachgesellschaft gesammelt. Tochter und Sohn sind beteiligt, bekommen aber kein Geld ausgeschüttet. „Beide sind in der Firma aktiv, das heißt aber nicht, dass sie mir notwendigerweise nachfolgen“, sagt Thiele.

