Kohlendioxid-Emissionen
Versorger unter Handlungsdruck

Der Klimaschutz stellt die deutschen Stromkonzerne vor wesentlich größere Probleme als bislang angenommen: Besonders RWE sitzt wegen seiner Kohlekraftwerke auf einem unkalkulierbaren Risiko. Nach neuen Daten ist der Konzern in Europa der mit Abstand größte Emittent von Kohlendioxid – mit steigender Tendenz.

DÜSSELDORF. Die Daten stammen von der auf Emissionshandel spezialisierten Unternehmensberatung Future Camp aus München und wurden auf der Grundlage von offiziellen EU-Statistiken errechnet. Demnach fielen bei der Stromproduktion in den RWE-Kraftwerken 2006 rund 146,6 Mill. Tonnen Kohlendioxid an. Das ist doppelt so viel wie bei der Nummer zwei, Eon.

Trotz des Emissionshandels, der den Ausstoß von Kohlendioxid reduzieren soll, sind die Emissionen der RWE 2006 um 2,7 Prozent gestiegen. Eon legte sogar um 3,4 Prozent zu. „Europa ist von seinen Zielen in Sachen Emissionsreduktion noch weiter entfernt als vor einem Jahr“, sagt Roland Geres, Geschäftsführer von Future Camp.

RWE steht damit unter enormen Handlungsdruck. Der Konzern produziert 60 Prozent seiner Strommenge aus Stein- und Braunkohle. Reichlich die Häflte des Kohlestroms entfällt auf Braunkohleanlagen, die als besonders klimaschädlich gelten. Nach Angaben der Umweltschutzorganisation WWF betreibt RWE fünf der zehn klimaschädlichsten Anlagen in Europa. Alte Anlagen verfügen über einen Wirkungsgrad von nur 30 bis 32 Prozent – das heißt nicht einmal ein Drittel der eingesetzten Energie wird in Strom umgesetzt. SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber sagte dem Handelsblatt: „Die Branche muss sich in technologischer Hinsicht bewegen. Wirkungsgrade von 30 Prozent sind nicht mehr vertretbar.“

Zertifikate kosten Unsummen

RWE dagegen verweist auf bereits eingeleitete Schritte. „Wir sind uns bewusst, dass die Braunkohle im Hinblick auf die Klimathematik problematisch ist“, sagt ein RWE-Sprecher. Allerdings werde der Konzern allein in Deutschland in den kommenden fünf Jahren rund sieben Mrd. Euro in hocheffiziente Kraftwerke investieren. Dadurch werde der CO2-Ausstoß pro Jahr um 13 Mill. Tonnen verringert. Bis 2014 wolle RWE das erste Kohlendioxidfreie Großkraftwerk bauen.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) warnte angesichts des Rankings von Future-Camp davor, die Kohle ins Abseits zu rücken. „Insbesondere, wenn man an dem Kernenergieausstieg festhält, kann man nicht gleichzeitig den Einsatz von Kohle reduzieren“, sagte er dem Handelsblatt. Dagegen hieß es im Kreisen der EU-Kommission, das Ranking sei ein weiterer Beleg für die These, dass Deutschland im Konzert der EU-Länder zu wenig für den Klimaschutz tue.

Auch für Vattenfall, den drittgrößten CO2-Emittenden Europas, steigt der politische Druck. Nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden Klaus Rauscher muss die Deutschland-Tochter des schwedischen Konzerns ab 2008 jährlich Zertifikate für rund 25 Mill. Tonnen Kohlendioxid am Markt erwerben. Gemessen an den derzeitigen Preisen am Terminmarkt von rund 20 Euro je Tonne, müsste Vattenfall Europe dafür 500 Mill. Euro zahlen. RWE müsste Unternehmenskreisen zufolge etwa 45 Mill Tonnen zukaufen – Kostenpunkt: 900 Mill. Euro.

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche
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