Kollektiver Abschwung
Stahlunternehmen geraten in konjunkturellen Abwärtssog

Die Analysten der US-Großbank Goldman Sachs haben am Mittwoch die Kursziele für Stahlaktien drastisch nach unten reduziert. Sie liegen damit voll im Trend. Schon vor Wochen hatten andere Bankhäuser damit begonnen, die Branche einer kritischen Neubewertung zu unterziehen. Denn die Anzeichen mehren sich, dass der Stahl-Boom nach fast sechs Jahren zu Ende geht.

DÜSSELDORF. In den USA, Europa aber vor allem in China fallen die Stahlpreise. Zugleich sind die chinesischen Stahlausfuhren im August auf den höchsten Stand in diesem Jahr geklettert, weil der Stahlbedarf im Reich der Mitte nach Abschluss der Olympischen Spiele deutlich zurückgegangen ist. Bisher überschwemmten die Stahlexporte Chinas vor allem die asiatischen Märkte. Aber wenn die Kosten für den Überseetransport von Massengütern noch weiter fallen sollten, könnten billige Importe aus China auch bald in Europa für ein Überangebot sorgen. Denn wichtige Kunden aus dem Maschinenbau, der Automobilindustrie und dem Bausektor bestellen konjunkturbedingt immer weniger.

Insofern kommen die Analysten mit ihren neuen Kurszielen reichlich spät. Denn an der Börse geht es bereits seit Juni steil bergab. Ob Weltmarktführer Arcelor-Mittal, die deutschen Stahlproduzenten Thyssen-Krupp und Salzgitter oder die österreichische Voestalpine: Obwohl diese vier Unternehmen 2008 erneut glänzende Ergebnisse erzielen werden, sind ihre Börsenkurse um 40 bis 50 Prozent eingebrochen. Dabei gehen die meisten Aktienexperten davon aus, dass die mittelfristigen Perspektiven für die Stahlbranche unverändert positiv sind.

Auch die Unternehmen lassen sich ihren Optimismus nicht nehmen. Lakshmi Mittal, Großaktionär und Vorstandschef von Arcelor-Mittal, hält an seinem Wachstumsszenario fest. Er erwartet, dass die Stahlbranche weiter jährlich drei bis fünf Prozent zulegen wird – dank der steigenden Nachfrage aus den sogenannten Bric-Staaten: Brasilien, Russland, Indien und China.

In Regionen, in denen die Konjunktur schwächelt, will der Branchenprimus die Produktion bis zu 15 Prozent kürzen und so das Angebot verknappen. Die Konkurrenz dürfte diesem Beispiel folgen, um einem Absturz der Preise vorzubeugen. Arcelor-Mittal kontrolliert ein Zehntel der weltweiten Produktion von 1,34 Mrd. Tonnen. Damit erzeugt der Konzern drei Mal soviel Stahl wie der nächstgrößte Konkurrent.

Dennoch: Das nächste Jahr dürfte für viele Unternehmen zur Nagelprobe werden. Denn wichtige Rohstoffe wie Kokskohle und Eisenerz verteuern sich weiter. Schon heute machen die Rohstoffkosten mehr als 80 Prozent der Produktionskosten aus. Die europäischen Stahlhersteller könnte auch die Wechselkursentwicklung belasten. „Durch die jüngste Abwertung des Euros gegenüber dem Dollar wird sich der Rohstoffeinsatz auch bei unveränderten Preisen im Vergleich zu 2008 um etwa zehn Prozent verteuern“, sagt Hermann Reith von der BHF-Bank.

Zudem stehen harte Verhandlungen mit den Autoherstellern über neue Jahresverträge an. Die Stahlhersteller fordern kräftige Preiserhöhungen. Denn in diesem Jahr sind die Preise für Eisenerz um 65 Prozent und die für Kokskohle um 200 Prozent gestiegen – und damit viel stärker, als es die Stahlhersteller zuvor erwartet hatten. Das engt die Gewinnmargen vieler Unternehmen ein.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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