Kommentar
Ohne Weltautos geht es nicht

Der VW-Konzern will ein Auto für alle Weltmärkte entwickeln - und folgt damit einem neuen Trend in der Autobranche. Die Strategie ist alternativlos - aber nicht ohne Tücken. Ein Kommentar.
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Ford hat es, Renault sowieso, Mitsubishi so gut wie und VW will es: das Weltauto. Das Auto für alle und jeden in allen Teilen der Welt - das der VW-Konzern erst unter dem Label der tschechischen Marke Skoda, dann als Seat und schließlich auch mit dem berühmten VW-Label vermarkten will. Und zwar ganz besonders in den Schwellenländern, also dort, wo die gesamte Branche in Zukunft wachsen will. In Europa oder den USA sind die Felle ja längst verteilt, der Markt gesättigt. Ganz anders in Brasilien, Indien und vor allem China.

Wer dort punkten will, muss vor allem eines sein: preiswert. Technisch ausgefeilte Autos mit Luxus-Features finden zwar auch in China ihre Käufer, sind für die breite Masse aber schlicht zu teuer. Gefragt sind einfachere Modelle für eine aufstrebende Mittelschicht, die aber auf gutes Design, bekannte Marken und solide Technik und Qualität nicht verzichten will.

Ein Déjà-vu für die Autobranche: Die Anforderungen der Schwellenländer von heute sind genau die gleichen wie die des automobilen Europas der 50er und 60er Jahren. Und die Lösung von damals ist auch die Lösung von heute: Stückzahlen müssen her. Billig und gut geht nur über Volumen - das hat Fiat einst etwa mit dem 124 gezeigt. Die Limousine wurde in Lizenz in Spanien, der Türkei, Indien und vor allem Russland gebaut. Ein echtes Weltauto.

So folgerichtig der Trend zum Weltauto auf dem ersten Blick ist, so sehr markiert er dennoch einen Strategieschwenk. Denn zwischenzeitlich war es ums Weltauto alles andere als gut bestellt. Die erste Generation des Ford Mondeo etwa bekam zwar durchaus gute Kritiken von der Fachpresse, war aber keineswegs ein Welterfolg - gleiches gilt für den Fiat Palio. Konsequenz: Statt go global war go local angesagt, also spezifisch für lokale Märkte entwickelte Autos. Doch diese Rechnung geht vor allem in den Schwellenländern aus Kostengründen nicht mehr auf.

Jetzt muss nur noch aus dem lokalen Autofahrer auch ein Weltkunde werden. Im Luxus-Segment sind sich die Premium-Autobauer sicher. Der Geschmack eines Geschäftsmanns aus Singapur unterscheide sich nicht mehr von dem eines Managers aus Los Angeles oder eines Abteilungsleiters aus Pforzheim, heißt es. Nun, der weltweite Erfolg von Autos wie dem BMW 3er gibt den Herstellern erst einmal recht. Ob sich das Rezept aber eins zu eins aufs Volumensegment übertragen lässt, ist die große Frage.

Kompakte Fünftürer sind nach wie vor eher bei Europäern beliebt, chinesische Kunden hingegen mögen lieber Limousinen. Und da fangen die Unterschiede erst an. Die einen mögen viel Chrom am Kühlergrill, die anderen nicht. Asiatische Autofahrer schätzen Interieurs in hellen Farben, Europäer nicht.  Die Geschmäcker sind verschieden - und ein Auto ist eben keine Cola. Ob es also wirklich einen goldenen Mittelweg gibt, der allen Autofahrern zusagt, wird sich zeigen.

Die ersten Designkritiken des neuen Focus etwa lassen schon erahnen, dass selbst im Westen Deutsche und Amerikaner immer noch nicht auf einer Wellenlänge liegen könnten. Gleichwohl ist Ford liefert Ford mit Fiesta und Focus ein gutes Beispiel dafür, wohin die Reise gehen muss: nämlich ein Weltauto zu bauen, von dem sich etwa mit relativ wenig Aufwand verschiedene Karosserie-Versionen basteln lassen. So viel Flexibilität wie nötig, bei so wenig Kosten wie möglich. Mit einem eintigen Modell für alle wird es nicht getan sein. Eine schwierige Aufgabe.

Das Weltauto wird trotzdem kommen - denn eine Alternative gibt es nicht. Das Rennen um einen neuen Käfer für alle ist eröffnet. Und ob der wieder von VW kommt, ist noch lange nicht ausgemacht.

Kommentare zu " Kommentar: Ohne Weltautos geht es nicht"

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  • Das Weltauto auf Basis geringster Kosten ist keine Lösung, sondern wird die Autokonzerne in eine Kostenfalle führen!

    General Motors hat gezeigt, wohin ein Kostensenkungswettlauf mit gnadenlosem Preiswettbewerb führt: in die Insolvenz. Es ist aberwitzig, dass der Konzern auf dem US-Markt aktuell genau denselben Fehler begeht und eine verrückte Rabattschlacht anzettelt, die die Margen sinken lässt und ihn sowie den Markt erneut wieder in Schwierigkeiten bringen wird.

    Und das soll jetzt also, verpackt mit dem Begriff blumigen Begriff "Weltauto", die neue, zukunftsweisende Strategie für Autohersteller sein? Das ist ein Scherz, nicht wahr?

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