Kommentar: Weniger Conti tut Schaeffler gut

Kommentar
Weniger Conti tut Schaeffler gut

Schaeffler reduziert seinen Anteil an Continental und gewährt dem Unternehmen damit mehr Freiheiten. So paradox es klingt: Der Familienkonzern gewinnt, wenn er seinen Einfluss mindert.

Weniger ist manchmal mehr. Diese Erfahrung macht gerade der Automobilzulieferer Schaeffler. Der Herzogenauracher Familienkonzern wird sich heute als Profitmaschine zurückmelden. Unmittelbar zuvor hat das Unternehmen bereits den Weg für eine erfolgreiche Entwicklung des von ihm dominierten Konkurrenten Continental frei gemacht. Und zwar dadurch, dass es seinen Einfluss auf Conti vermindert.

Anleger und Führung des MDax-Konzerns Continental wussten lange nicht, welchen Weg der Großaktionär einschlagen wird. Jetzt herrscht zumindest Klarheit für die kommenden zwölf Monate. Schaeffler ermöglicht einen neuen Aufschwung bei Continental, der den Konzern zurück in den Dax bringen und wieder mit dem Status des Investmentgrades versehen wird. Für die Ratingagenturen waren Schaefflers Schulden und die strategische Geheimniskrämerei entscheidend für das Festhalten am Ramschstatus.

Schaeffler hat jetzt den direkt und indirekt gehaltenen Gesamtanteil an Conti von 75,2 Prozent auf 60,3 Prozent reduziert. Den Verkaufserlös in Höhe von 1,8 Milliarden Euro nutzt das Familienunternehmen, um die Schulden der Holding von zuletzt 7,4 Milliarden Euro zu senken. Gemeinsam mit einer Einmaltilgung und der Verlagerung von Schulden auf das operative Geschäft reduziert sich der Kreditberg der Holding auf 4,6 Milliarden Euro. Da zudem der mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise vereinbarte Risikozins von in der Spitze bis zu 17 Prozent einem deutlich niedrigeren Zins von unter zehn Prozent gewichen ist, vermindert auch das die Schuldenlast spürbar.

Der Schritt war überfällig. Einmal mehr mussten die Banken Druck machen, damit bis Ende März wirklich etwas unternommen wurde. Schließlich nimmt Schaeffler einen Buchverlust hin. Die Conti-Aktien standen mit mehr als den erzielten 60 Euro pro Papier in den Büchern. Beinah hätten die politischen Unsicherheiten für weiteren Aufschub gesorgt.

Schaefflers Vernunft dürfte bald belohnt werden. Der Kurs der Conti-Aktie dümpelte lange bei gut 60 Euro. Analysten sehen Potenzial für einen Kurs von deutlich über 70 Euro. Kommt der Aufstieg in den Dax und verbessert sich das Rating wie erwartet, beflügelt der Einstieg institutioneller Investoren den Kurs zusätzlich. Bislang sind ihnen wegen Continentals Risikoprofil und geringem Streubesitz die Hände gebunden. Für Schaeffler dürfte sich die Reduktion des eigenen Aktienpakets doppelt rechnen: Neben geringeren Zinszahlungen werden sie von höheren Kursen profitieren. Die Franken halten weniger Aktien, aber zu einem höheren Wert.

Doch weitere Schritte müssen folgen. Es hätte viele Vorteile für Schaeffler, noch mehr Aktien zu verkaufen. Die ursprünglich mit Continental geplante schnelle Fusion liegt ohnehin auf Eis. Steuerprobleme machen sie wenig attraktiv. Zudem hat eine interne Arbeitsgruppe den Eindruck bestätigt, dass echte Synergien faktisch kaum anfallen. Eine intensive technologische Kooperation dagegen ist schon heute möglich.

Unter diesen Umständen kann Schaeffler den Conti-Anteil sogar schadlos auf 35 Prozent reduzieren und so bei den erwarteten steigenden Kursen die Schulden weiter senken. Überwindet die Familie ihren Reflex, unumschränkt herrschen zu wollen, kann sie viel gewinnen. Die Ironie daran: Schaeffler wäre dann der Ankeraktionär, um den die infolge der Übernahmeschlacht gestürzten Conti-Granden Hubertus von Grünberg und Manfred Wennemer vor Jahren geworben hatten. Nicht mehr - und nicht weniger.

Der Autor ist Korrespondent in Hamburg.

Sie erreichen ihn unter: schneider@handelsblatt.com

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