Kommentar zu Prokon
Vorsicht, Gegenwind

Überraschend sprechen sich die Prokon-Anleger klar für ein Genossenschafts-Modell aus. Sie kämpfen nicht nur um ihr Geld, sondern auch um ihre Mission: die Energiewende. Damit hatte auch die große EnBW nicht gerechnet.
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Der klare Wille von 37.000 Prokon-Anlegern, Genossen zu werden, ist eine Sensation. Sie vertreten 843 Millionen Genussrechtskapital. Es ist das Ende einer unglaublichen Geschichte, deren Anfang man sich ja gerade noch hätte ausdenken können:

Ein Ökofreak, Prokon-Gründer Carsten Rodbertus, sammelt bei arglosen Anlegern viel Geld für Windparks ein. Verspricht und zahlt überhöhte Renditen, immer mehr springen auf, den ersten Sparern wird es irgendwann zu gefährlich, flüchten und ziehen eine Fluchtwelle mit sich .Das System bricht zusammen. Pleite, 1,5 Milliarden Euro verweht.

Den zweiten Teil der Story aber hätte sich noch vor einem Jahr kaum jemand vorstellen können. Die betrogenen Sparer, 75.000, finden sich aus allen Teilen Deutschland zusammen, sie kämpfen, um ihre Windparks zu retten, lehnen das Übernahmeangebot eines Energieriesen ab und werden nun Prokon selbst weiterführen. Als Genossenschaft.

Der Bieter EnBW hatte sich das wohl auch nicht träumen lassen und argwöhnt, dass es beim Wettstreit um Prokon nicht ganz mit rechten Dingen zu ging und der Insolvenzverwalter an den Stellschrauben zugunsten der Genossen gedreht hat.

Aber ein Sieg der Genossen in dieser Höhe lässt sich wohl kaum manipulieren. Was wohl auch EnBW unterschätzt hat: Diese Anleger sind Überzeugungstäter. Sie wollen ihr Geld retten, aber sie wollen auch die Welt retten. Es sind Ideologen, angetrieben von ihrer Mission, die Energiewende zu schaffen.

Sie haben deutlich mehr Kampfgeist als Sparer, die ausschließlich auf die Rendite schauen und sich hilfesuchend nach einem Anwalt umschauen, wenn etwas schief gegangen ist. Und sie sind sauer auf die großen Versorger, die den Trend verschlafen haben. Jahrelang, Sie haben ja so lange auch gut an Atom, und Kohlekraftwerken verdient. Die kleine Prokon hat heute doppelt so viel Windparks wie die große EnBW. Nun muss der Versorger eilends noch Anschluss finden. Das „Nein“ vieler Anleger zu diesem Investor kommt aus einer tiefen Überzeugung heraus. Bitte nicht mit Euch.

Doch dürfen Sparer Träumer sein? Ohne ihre Vision hätte es die Anleger-Gruppe „Freunde von Prokon“ nicht geschafft, so viele Menschen hinter sich zu bringen. Aber die größte Herausforderung haben die künftigen Genossen noch vor sich: den Windparkbetreiber erfolgreich durch schwierigere Zeiten zu führen. Einspeisevergütungen, die einen festen Strompreis über viele Jahre garantieren, wird es bald nicht mehr geben. Ab 2017 müssen sich Windparkbetreiber einem Ausschreibungsverfahren unterwerfen. Wer zu hohe Strompreise verlangt, kommt nicht zum Zug. Vorsicht, Gegenwind.

Dass im Windparkgeschäft neue Zeiten anbrechen, hat Prokon selbst noch kurz vor der Gläubigerversammlung erlebt. Prokon plant und projektiert auch Windparks in Finnland. Dort war das Förderkontingent der Regierung von 2,5 Gigawatt nach Äußerungen der neu gewählten Regierung plötzlich erschöpft. Die Regierung hatte angekündigt, Windparks auf dem Land nicht mehr so stark zu fördern wie bisher. Es gab einen Welle von Förderanträgen.

Nun geht erst mal nichts mehr für Prokon Windenergie Finland OY, der Wert der dort laufenden Projekte musste gesenkt werden. Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin hat noch kurz vor der Gläubigerversammlung die zu erwartende Insolvenzquote für künftige Genossen um gut einen Prozentpunkt auf 57,8 Prozent senken müssen. Ähnliches kommt nun auch in zwei Jahren auf deutsche Windkraftanbieter zu.

Die großen Versorger haben in solch einem Preiswettbewerb womöglich den längeren Atem. Neue Windparks müssen finanziert werden. Fehlschläge kann ein großer Konzern schneller verdauen. Die Genossen müssen dagegen jeden Euro frische Einlagen mühsam einsammeln. Ihr Prokon wird mit Sicherheit nur langsam wachsen können. Von vielen Träumen haben sich die künftigen Genossen schon verabschiedet. Etwa von der Idee, ohne Banken auszukommen. Neue Parks sollen zu 70 oder gar 80 Prozent von Geldinstituten finanziert werden. Anders geht es nicht.

Wenn der Wind nun schwächer weht als geplant oder sonst etwas schiefgeht, ist der Eigenkapitalgeber, also der Genosse, dran. Das kann rasch passieren. EnBW hätte hier die tieferen Taschen gehabt. Das Steuer übernehmen ist eines. Dann sicher zu fahren ist die nächste Aufgabe. Prokon hat eine hochmotivierte Mannschaft. Jetzt kommt es entscheidend darauf an, dass die künftigen Genossen wie Profis agieren. Dass sie eine gute Wahl treffen, wenn es um das Management geht. Es müssen erfahrene, gut bezahlte Manager ran. Sonst könnten die Genossen am Ende doch den Kampf gegen die Energieriesen verlieren.

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