Kommentar zu Siemens
Für Kaeser ist die Zeit der Ausflüchte vorbei

Joe Kaeser hat bald bereits die Hälfte seiner ersten Amtszeit als Siemens-Chef hinter sich. Doch der Konzern tritt nach wie vor aufr der Stelle. Die Gelduld der Investoren könnte bald vorbei sein. Ein Kommentar.
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MünchenZugegebenermaßen ist das Umfeld für einen Infrastrukturkonzern nicht gerade günstig. Über China türmen sich dunkle Wolken, die europäische Schuldenkrise dauert an, die Geschäfte mit Russland sind eingebrochen. Kein Wunder, dass sich Konzerne mit einer starken Heimatbasis in Europa wie ABB und Siemens derzeit nicht ganz leicht tun.

Dennoch muss beim nüchternen Blick auf die Zahlen festgestellt werden: Auch nach zwei Jahren unter dem Vorstandschef Joe Kaeser tritt Siemens noch auf der Stelle. Der Umsatz steigt nur dank Währungseffekten. Und die operative Marge im Industriegeschäft liegt bei 9,5 Prozent und damit unter dem ausgegebenen Ziel von neun bis zehn Prozent. All das ist zumindest ordentlich, keine Krise. Doch Kaesers Vorgänger Peter Löscher wurde für solche Zahlen stark kritisiert.

Nun muss man Kaeser zugestehen, dass er von Anfang an um Geduld gebeten hat. Schnelle Ergebnisse wären womöglich ein Strohfeuer gewesen, Kaeser aber will den Konzern nachhaltig auf die Erfolgsspur zurückbringen, daher auch seine „Vision 2020“. Für ein Urteil über seinen massiven Umbau ist es zu früh.

Doch die Zeit der Vertröstung und Ausflüchte muss jetzt vorbei sein. Kaeser hat den Investoren viel Geduld abverlangt, jetzt muss er liefern. Im kommenden Geschäftsjahr muss Siemens wieder wachsen – und zwar schneller als die Konkurrenz. Noch ist nicht ganz erkennbar, woher dieser Schub kommen soll.

Manche Geschäfte laufen gut, wie zum Beispiel die Medizintechnik und die digitale Fabrik. Andere, wie die Prozessautomatisierung und die Energieerzeugung eher schlecht. Wie es meist bei Siemens gewesen ist. Auch der überteuerte Zukauf Dresser-Rand wird kurzfristig kaum helfen. Das Geschäft mit Kompressoren leidet noch immer unter dem niedrigen Ölpreis, der die Investitionen bei den Förderern bremst.

Womöglich werden es die eher weicheren Faktoren richten. So hat Kaeser die Hierarchie verschlankt und die Kundenzugänge verbessert, indem zum Beispiel der Vertrieb für Gasturbinen in Asien gestärkt wurde. Langfristig sollten sich auch die gesteigerten Investitionen in Forschung und Entwicklung auszahlen.

In einem halben Jahr hat Joe Kaeser schon die Hälfte seiner Amtszeit erreicht. Für die meisten im Konzern ist noch unklar, ob er eine zweite anhängen will. Die Frage stellt sich aber nur, wenn sein massiver Umbau bald Ergebnisse zeigt.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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  • Joe Kaeser hat doch die Medizinsparte in eine GmbH ausgegliedert....das ist und war ein strategischer Fehler von Joe Kaeser.

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