Kommentar zum VW-Dieselgate
Die Festung Volkswagen

Die Zugbrücke in Wolfsburg ist oben: Erneut wurden bei Volkswagen die Vollstrecker der Porsche-Dynastie an den wichtigsten Schaltstellen platziert. Zu einem modernen Weltkonzern passt das überhaupt nicht. Ein Kommentar.
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Aktionärsdemokratie? Da war doch etwas. Es gibt allerlei Regeln und Gesetze, die sicherstellen sollen, dass Börsenunternehmen ihre Anteilseigner informieren, diskutieren und abstimmen lassen. Es ist ja ihr Geld, das womöglich verbrannt wird.

Wie aber ist das im Fall der Volkswagen AG, die derzeit die größte Krise ihrer Geschichte erlebt? Die Zugbrücke geht hoch, es gilt das Gesetz des Schweigens, Wolfsburg wird zur Festung.

Wie anders kann man es werten, dass die maßgeblichen Eigentümerfamilien rund um die Vettern Wolfgang Porsche und Ferdinand Piëch den Kandidaten ihrer Wahl zum neuen Chef des Aufsichtsrats durchboxen? Dass sie ihn gerichtlich bestellen lassen und die angekündigte außerordentliche Hauptversammlung absagen? Dass sie die Bedenken des anderen Großaktionärs, des Landes Niedersachsen, ebenso beiseite wischen wie Einwände der Arbeitnehmervertreter?

Auf Hans Dieter Pötsch, dem Kandidaten der schwächelnden Porsche-Dynastie, liegt vom ersten Tag an der Verdacht, eine Mauschellösung zu sein, ein Kommandant der Festung. Es ist doch kaum zu erklären, dass VW am 3. September den US-Behörden gegenüber ihren Abgas-Betrug zugibt, die Öffentlichkeit und den Aufsichtsrat aber erst 17 Tage später informiert. Wie kursrelevant die Nachricht vom Betrug war, konnte man zuletzt sehen. Für Pötsch aber, zuständig für die Kommunikation mit Investoren, gilt der alte Heinrich-Böll-Titel: „Und sagte kein einziges Wort.“

Handelsblatt-Dossier:
Inside Wolfsburg

Volkswagen hatte höchste Ziele: Die Welt der Autos wollte man auch mit der Dieseltechnologie erobern. Doch die Motoren lieferten nicht die vom US-Staat geforderten Abgaswerte, weshalb der Wolfsburger Automobilkonzern eine groß angelegte Manipulation begann. Die Rekonstruktion eines Betrugs in elf Kapiteln.

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Das Durchpeitschen des belasteten Ex-Finanzchefs ist ein Novum in der Rechtsgeschichte. Der Gesetzgeber hatte sich für die richtige Corporate Governance zurechtgelegt, dass ein Vorstand nicht unmittelbar, sondern erst nach zwei Jahren „Cooling-off“ in den Aufsichtsrat wechselt. Ausnahme: Wenn Aktionäre mit mehr als 25 Prozent einen Manager vorschlagen. Das war eine leichte Übung für die Eigentümerfamilien. Schwerer dürften die Folgen sein.

Verhindert wird – und zwar von ganz oben – der nötige Kulturwandel. Die Männer des alten Herrschaftssystems machen einfach weiter wie früher. Zwar ist jetzt Autokrat Piëch nicht mehr im VW-Aufsichtsrat, und sein Zögling Martin Winterkorn, mit dem er sich zerstritt, ist nicht mehr Vorstandsvorsitzender. Aber Pötsch und Winterkorns Nachfolger Matthias Müller gelten der Dynastie als geeignete Vollstrecker.

Es sieht ganz so aus, als seien in der Festung Wolfsburg rigorose Aufklärer und Neugestalter von außen nicht gefragt. Man bleibt unter sich. Man schließt die Reihen. Dabei lehrt der Blick auf Konzerne wie Siemens, die ähnliche Existenzkrisen durchmachten, dass etwas anderes als die Verweigerungsstrategie nötig ist. VW braucht hat eine offene Kultur, braucht einen Vorstand für Compliance, der sich mit den US-Sitten auskennt, braucht Kommunikatoren, die wissen, wie man Vertrauen zurückholt.

Der Alleinentscheider-Stil des verdienten Ferdinand Piëch trägt nicht in einer Zeit, in der Bürger und Konsumenten mitreden. Die ganze Welt mag aus Wolfsburger Sicht derzeit ein einziger „Shitstorm“ sein, doch dagegen muss man Transparenz setzen, nicht das gesammelte Schweigen der Pötschs dieser Welt. Ein Zeichen wäre auch, endlich mehr Unabhängige in den Aufsichtsrat von VW einziehen zu lassen.

VW ist inzwischen ein Weltkonzern ganz eigener Art: Die Welt schaut, wie das Management und die Aufsichtsräte mit der Affäre fertig werden. Und wie ernst sie Aktionärsdemokratie nehmen.

Hans-Jürgen Jakobs Quelle: dpa
Hans-Jürgen Jakobs
Handelsblatt / Senior Editor

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  • Geht es doch ausschliesslich um Geld und Macht.
    http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Spekulanten-wetten-gegen-VW-Aktie-4540897
    Da wundert man sich doch das sie trotzdem täglich noch zusätzlich Puts auflegen,
    womit man auf fallende Kurse bei VW wetten kann. Heute alleine bis jetzt 300%
    So kann es dann weitergehen. Verdienen wir doch mit am "Untergang" von VW

  • Klar, die Putzfrau und der Hausmeister haben die Software entwickelt und Nachts heimlich still und leise eingebaut. Beides natuerlich NSA Agenten, ist klar.

  • ...........was wäre jetzt das Beste für VW?......Nun, ganz einfach......die Schublade aufziehen.....und eine neue Innovation auf den Tisch legen.....wat (was) Neues....Jutes (Gutes) auf den Tisch legen....ein technisch Gutes natürlich......die Journalie einladen....der Vorstandsvoritzenden bekleidet im schicken blauen Overall ......passend zu seinen blauen Augen.....das VW-Emblem groß und deutlich vorne auf der Brust und Rücken......und auf den seitlichen Ärmeln....re wie li....oben.....dann ruhig und fein sein Auftritt vor der versammelten Presse .....keine großen Diskussionen....sondern nur die Ingenieur-Leistung der Innovation herauszustellen.....und darum um Verständnis zu bitten......daß es wieder aufwärts gehe mit VW ......also die psychologische Karte zu spielen......daß man doch der Marke zutrauen könne, das Vertrauen zurück zu gewinnen......

    Das wäre doch was.....vielleicht die Aktion zu einem späteren Zeitpunkt.....wenn eine gewisse Übersicht vorhanden ist..............

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