Konsolidierung in der Rohstoffbranche
Die Macht der Erzförderer wächst

BHP Biliton-Chef Marius Kloppers will einen Rohstoff-Giganten schaffen, wie es ihn noch nicht gegeben hat: Schon seit Ende vergangenen Jahres buhlt der britisch-australische Weltmarktführer intensiv um seinen Konkurrenten Rio Tinto. Nun sind die Chancen für eine Übernahme des kleineren Wettbewerbers gestiegen. Der Ton zwischen den Chefs der beiden Konzerne verschärft sich.

LONDON. Die Konsolidierungsbemühungen in der Rohstoffbranche gehen weiter. Die Kursentwicklungen der vergangenen Tage haben den britisch-australischen Weltmarktführer BHP Billiton wieder in eine günstigere Position für den Kauf des Konkurrenten Rio Tinto versetzt. Auch der Ton zwischen den Chefs der beiden Konzerne verschärft sich. Das trägt dazu bei, dass die Hoffnungen der Stahlhersteller auf eine Beruhigung der Rohstoffmärkte schwinden. Gerade das Eisenerz ist für die Stahlproduktion wichtig und spielt eine Schlüsselrolle im Ringen der Bergbauriesen.

BHP Billiton bemüht sich seit Ende vergangenen Jahres intensiv um Rio Tinto, ein ebenfalls britisch-australisches Unternehmen. BHP-Chef Marius Kloppers will einen Rohstoff-Giganten schaffen, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Von der Übernahme verspricht er sich Synergien in Milliardenhöhe. Er bietet den Rio-Aktionären 3,4 BHP-Aktien je Rio-Titel. Die Führung von Rio Tinto um Vorstandschef Tom Albanese wies das Angebot vom Februar jedoch eindeutig zurück und verschließt sich Verhandlungen auf dieser Basis.

Nachdem sich die Aktienkurse längere Zeit zuungunsten des Angreifers entwickelten, ist die Attraktivität des Angebots in den vergangenen Tagen wieder gewachsen. Aktuell würde der vorgeschlagene Aktientausch Rio Tinto mit umgerechnet 133 Mrd. Euro bewerten. Das liegt knapp sechs Prozent über der gegenwärtigen Marktkapitalisierung. BHP hat an der Börse eine Bewertung von 156 Mrd. Euro erreicht, nachdem Gerüchte über einen Einstieg chinesischer Anleger die Aktie auf einen Höchstkurs trieben.

Kloppers wollte die Gerüchte in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC nicht kommentieren, ihm kommt die Aufwertung der BHP-Aktie allerdings sehr zupass: Sie hilft ihm, den Druck auf Albanese und sein Führungsteam zu verstärken. Rio Tinto hat bereits vom Einstieg des chinesischen Rohstoffkonzerns Chinalco profitiert. Der wurde zum größten Einzelaktionär, als er Anfang Februar mit dem umfangreichsten verdeckten Aktienkauf aller Zeiten neun Prozent des Aktienkapitals erwarb. So sicherte er sich einen Platz am Verhandlungstisch.

Den können die Chinesen auch gebrauchen, denn sie stöhnen noch mehr als die europäischen Stahlhersteller unter den Preiserhöhungen für Rohstoffe. Der Aufbau einer modernen Infrastruktur steigert den Stahlverbrauch Chinas Jahr für Jahr, und viele Stahlhersteller müssen immer wieder auf den Spot-Markt zurückgreifen, um Engpässe zu beseitigen. Hier wird aber nur ein kleiner Bruchteil der weltweiten Eisenerzproduktion gehandelt, und die Preise sind teilweise doppelt so hoch wie in den langfristigen Lieferverträgen. Das wiederum weckt die Begehrlichkeiten der Rohstoffriesen und gibt ihnen ein zusätzliches Druckmittel in die Hand. Rio Tinto hat angekündigt, die Spot-Verkäufe im laufenden Jahr auf 15 Mill. Tonnen zu verdreifachen. Das entspräche dann sieben Prozent der Produktion.

Der Chef der Erzsparte, Sam Walsh, deutete sogar ein grundsätzliches Umdenken an. Die Produzenten ohne langfristige Vertragsbindung profitierten von der gegenwärtigen Organisation des Markts, sagte er im März auf einer Branchenkonferenz. Rio werde tun, was möglich sei, um angemessene Renditen für die Aktionäre sicherzustellen. Das ist Moment vor allem, die Produktion hochzufahren. Im abgelaufenen Quartal hat Rio Tinto sie immerhin um 16 Prozent auf 39 Mill. Tonnen gesteigert. BHP stach den Erzkonkurrenten jedoch mit einem 22-prozentigen Plus auf 28 Mill. Tonnen aus.

Größter Eisenerzproduzent ist jedoch Vale aus Brasilien. Der Konzern hat sich über Monate hinweg um den Kauf des Schweizer Rohstoffkonzerns Xstrata bemüht. Die Gespräche scheiterten letztlich offenbar daran, dass sich Xstratas Großaktionär, der Rohstoffhändler Glencore, weit reichende Vermarktungsrechte auch für Produkte von Vale sichern wollte. Die Ambitionen beider Partner dürften jedoch weiterhin auf Fusionen gerichtet sein.

Auch wenn bisher mancher Mega-Deal nicht zustande kam – Branchenexperten rechnen damit, dass die Konsolidierung der Rohstoffindustrie weiter gehen wird. Michael Elliot, Bergbauexperte der Beratungsfirma Ernst & Young, hält es für möglich, dass noch vor Jahresende drei Fusionen für je mehr als 50 Mrd. Dollar abgeschlossen werden. 2007 war laut Ernst & Young ein Rekordjahr für die Branche mit 903 Übernahmen für insgesamt 211 Mrd. Dollar (137 Mrd. Euro). 90 Prozent der Rohstofffirmen planten für die nächsten zwei Jahre Akquisitionen. Die großen Anbieter gewinnen weiter an Macht.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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