Konzern erwartet starken Zuwachs bei der Herstellung von Pharmaproteinen – Pfizer sichert sich Kapazitäten
Boehringer baut Biotech-Produktion aus

Die biotechnische Herstellung von Medikamenten bleibt in der Pharmabranche stark gefragt. Boehringer Ingelheim, der führende europäische Anbieter auf dem Gebiet, rechnet für die nächsten Jahre weiterhin mit Wachstumsraten von mehr als 10 % in der Auftragsfertigung für andere Pharmaunternehmen. Seit 1996 haben sich bei Boehringer die Umsätze auf dem Gebiet bereits auf 223 Mill. Euro verzehnfacht.

FRANKFURT/M. Die Voraussetzung für eine weitere Expansion hat der größte deutsche Pharmakonzern mit einer neuen Anlage in Biberach bei Ulm im Wert von 255 Mill. Euro geschaffen. Sie ist am Mittwoch in Betrieb gegangen und wird die Kapazitäten des Konzerns in dem Bereich verdoppeln. Bei der biotechnischen Produktion von Arzneien werden etwa Proteine für den Therapieeinsatz hergestellt. Anders als klassische Pharmawirkstoffe können sie nicht chemisch zusammengesetzt werden. Sie müssen mit Hilfe genveränderter Mikroorganismen oder Säugetierzellen hergestellt werden. Diese Zellen werden in speziellen Bioreaktoren vermehrt.

Zu den wichtigsten Auftraggebern bei Boehringer gehört der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer. Mit ihm kooperiert Boehringer bereits beim Vertrieb des Atemwegsmedikaments Spiriva. Pfizer hat sich in der neuen Boehringer-Anlage umfangreiche Kapazitäten für Medikamente gesichert, die sich noch in Entwicklung befinden. Dabei dürfte es um den potenziellen Rheuma-Wirkstoff CDP-870 gehen, an dem Pfizer mit der britischen Biotechfirma Celltech forscht. Diesem Produkt, das sich in der abschließenden dritten Testphase befindet, trauen Analysten Spitzenumsätze von bis zu 1 Mrd. $ zu.

Ein weiterer Großkunde ist der US-Biotechriese Amgen, für den Boehringer bereits das Rheumamedikament Enbrel produziert. Abnehmer sind zudem US-Firmen wie Medimmune und Ilex sowie Schering, Bayer und Merck KGaA.

Hinter dem stürmischen Wachstum steht der Markterfolg therapeutischer Proteine. Sie werden in Medikamenten gegen Multiple Sklerose, Rheuma und Krebs verwendet. Eine Reihe weiterer Biotech-Medikamente hat in den vergangenen Monaten die Zulassung erhalten oder durch gute Studienergebnisse überzeugt. Dazu gehören die potenziellen Krebsmittel Avastin von Genentech sowie Erbitux von Imclone und Merck, denen Experten ebenfalls ein Umsatzpotenzial von mehr als 1 Mrd. $ bescheinigen.

„Der Markt für biopharmazeutische Fertigung wird daher auf absehbare Zeit eng bleiben“, erwartet Boehringer-Manager Hans-Jürgen Leuchs. Analysten von UBS Warburg gehen zwar davon aus, dass auf globaler Ebene die Kapazitäten den Bedarf derzeit noch übersteigen – neben Boehringer haben auch andere Unternehmen wie DSM, Amgen oder Idec ihre Kapazitäten ausgebaut. Da sich die Produktion auf wenige Unternehmen konzentriere, könne es jedoch immer wieder zu Engpässen kommen.

Prominentestes Beispiel dafür ist das Rheumamittel Enbrel: Es musste fast drei Jahre lang rationiert werden, weil nicht genügend Fertigungskapazität vorhanden war. Trotz wesentlich höherer Nachfrage blieb daher der Umsatz von Amgen mit dem Medikament auf rund 800 Mill. $ beschränkt. Enbrel wurde bis Ende 2002 ausschließlich bei Boehringer gefertigt. Zwar hat Amgen inzwischen eine eigene Anlage in Betrieb genommen. Trotzdem wurden auch bei Boehringer weitere Kapazitäten gebucht. Die Umsatzerwartungen für Enbrel bewegen sich bei 4 Mrd. $.

Bei der biotechnischen Herstellung von Medikamenten müssen die Firmen eine konstante Produktqualität gewährleisten. Daher erfordern die Verfahren höchste Präzision und relativ hohe Investitionen vor Inbetriebnahme. Die Anlagen sind zudem nur sehr schwierig auf andere Standorte zu übertragen. Dies zwingt Pharmafirmen dazu, entweder sehr früh zu investieren oder entsprechende Kapazitäten bei Lohnfertigern zu buchen.

Große Anlagen unterhalten vor allem die US-Biotechkonzerne Genentech, Amgen, Biogen und Chiron sowie in Europa neben Boehringer, Roche, Aventis, Novo Nordisk sowie die Chemiefirmen Lonza und DSM. Mit 470 000 Liter Kapazität ist Deutschland zweitgrößter Standort für Biotech-Produktion nach den USA. Pläne für eine verstärkte Biotech-Produktion in Deutschland verfolgt die Darmstädter Merck KGaA. Die endgültige Entscheidung über eine in Jena geplante Anlage steht aber noch aus.

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