Konzern hält an seiner Strategie fest
Merck & Co. stützt sich auf hohe Finanzkraft

Der US-Konzern steht nach der Rücknahme des Schmerzmittels Vioxx vor der schwersten Krise seiner Geschichte. Der Ausfall dürfte die Umsatz- und Ertragsentwicklung in den nächsten Jahren deutlich belasten. Ob das Vioxx-Debakel auch einen grundlegenden Strategiewechsel erzwingt, bleibt dagegen weiter offen.

HB FRANKFURT/M. Merck & Co. hat Vioxx in der vergangenen Woche vom Markt genommen, nachdem neue Studien ein erhöhtes Herzinfarktrisiko bei dem Medikament offenbarten. Dieser bisher größte Medikamenten-Rückruf löste an der Börse einen Kursrutsch der Merck-Aktie um mehr als ein Viertel aus.

Während manche Analysten für Merck nun einen wachsenden Druck in Richtung Fusion sehen, rechnen Firmeninsider eher mit einer Fortsetzung des bisherigen Kurses. Dafür sprechen nicht zuletzt auch die bisherigen Bekenntnisse des Managements. „Wir sehen keinen Grund, unsere Strategie zu ändern“, bekräftigte Firmenchef Raymond Gilmartin, der in dieser Hinsicht offenbar auch den Rückhalt des einflussreichen Direktors Lawrence Bossidy genießt.

Als wahrscheinlich gilt unterdessen, dass man die Position eines Chief Operating Officers etabliert, der sich um das operative Geschäft kümmert und Gilmartin den Rücken frei hält für die Bewältigung der Vioxx-Krise. Auch dürfte Merck künftig noch intensiver nach Vertriebs-Allianzen und Produktlizenzen Ausschau halten.

In dieser Hinsicht hat der US-Konzern seine Anstrengungen bereits in den vergangenen beiden Jahren deutlich verstärkt. Ansonsten zeichnete sich der frühere Branchenprimus vor allem durch ungewöhnliche Stetigkeit aus. Anders als die meisten Konkurrenten verzichtete Merck & Co. in den vergangenen beiden Jahrzehnten fast vollständig auf Zukäufe. Erst in jüngerer Zeit geriet diese Politik auf den Prüfstand, nachdem mehrere wichtige Projekte in der Forschung scheiterten – darunter Medikamente gegen Depressionen und Diabetes, die lange als potenzieller Verkaufsschlager betrachtet wurden.

Mit der Rücknahme von Vioxx erreichte die Serie von Misserfolgen jetzt einen neuen Höhepunkt. Der Wegfall von rund 2,5 Mrd. Dollar Jahresumsatz reißt eine deutliche Lücke in die aktuellen Umsatzplanungen. Zudem droht bereits Mitte 2006 ein weiterer Schock, wenn der Patentschutz für den bisherigen Bestseller, den Cholesterinsenker Zocor, in den USA ausläuft. Innerhalb von zwei bis drei Jahren dürfte der Konzern damit rund ein Drittel seiner bisherigen Umsätze verlieren. Da verbleibende Produkte und Neuentwicklungen dies kaum kompensieren können, zeichnen sich für die nächsten Jahre sinkende Erlöse und weiter rückläufige Erträge ab. Hinzu kommen mögliche Belastungen durch Schadensersatzklagen.

Andererseits ist Merck & Co. als einer der Topverdiener in der Branche finanziell sehr gut gerüstet für eine derartige Krise und damit keineswegs in einer akuten Notlage. Zur Jahresmitte verfügte der Konzern immerhin über mehr als acht Mrd. Dollar Netto-Liquidität. Und der freie Cashflow von zuletzt etwa 6,5 Mrd. Dollar pro Jahr wird nur zur Hälfte von Dividendenzahlungen beansprucht. „Das Unternehmen behält ein überlegenes Finanzprofil und wird weiterhin mehr Cash generieren, als man für den laufenden Bedarf benötigt“, argumentiert Arthur Wong von Standard & Poor's. Die Agentur hat vor diesem Hintergrund ihr bisheriges Triple-A-Rating für Merck & Co. beibehalten.

Allerdings verweist auch S&P darauf, dass es für den Konzern noch wichtiger geworden ist, die verbleibenden Produkte voranzubringen. Dazu gehören das Asthmamittel Singulair, das Knochenmedikament Fosamax sowie der neue Cholesterinsenker Vytorin, den man zusammen mit der angeschlagenen Schering-Plough vertreibt.

Angesichts der wichtigen Partnerschaft mit Schering-Plough spekulieren US-Medien und Analysten bereits seit längerem über eine Fusion der beiden Unternehmen. Manager aus der Branche indessen verweisen darauf, dass Schering-Plough mit noch größeren Problemen kämpft und Merck zudem schon längst Gelegenheit gehabt hätte, diesen Partner zu schlucken. Nach dem starken Wertverlust bei Merck sei eine Übernahme von Schering-Plough eher noch unwahrscheinlicher geworden.

Ähnlich fällt das Urteil im Hinblick auf die Fusion mit einem anderen Pharmariesen aus. In den meisten Fällen würden sich erhebliche Kartellprobleme ergeben. Zudem dürfte auch die Unsicherheit im Zusammenhang mit den Schadensersatzklagen vor einer Annäherung an Merck & Co. abschrecken. Auch dies spricht letztlich dafür, dass Merck & Co. die bevorstehende Talsohle aus eigener Kraft überwinden muss.

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