Konzernchef Marcel Kramer im Interview
Niederländische Gasunie an RWE-Netz interessiert

Der niederländische Netzbetreiber Gasunie will im Gastransport nach und durch Deutschland eine führende Rolle übernehmen. „Wir wollen die Drehscheibe für Gastransporte in Nordwesteuropa sein“, sagte Konzernchef Marcel Kramer.

GRONINGEN. Der niederländische Netzbetreiber Gasunie will im Gastransport nach und durch Deutschland eine führende Rolle übernehmen. „Wir wollen die Drehscheibe für Gastransporte in Nordwesteuropa sein“, sagte Konzernchef Marcel Kramer im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wenn man sich die Landkarte anschaut, verfügen wir jetzt fast über eine Kette von Russland durch Deutschland und die Niederlande bis nach Großbritannien – angeschlossen an die großen Felder in den Niederlanden, Norwegen und Russland.“ Durch den steigenden Importbedarf Westeuropas erhofft er sich dabei ein lukratives Geschäft.

Gasunie ist ein reiner Netzbetreiber, der im Gegensatz zu deutschen Konkurrenten wie Eon Ruhrgas oder Wingas weder über eine eigene Produktion, noch über einen Vertrieb verfügt. Das Unternehmen verdient an Gebühren für die Durchleitung von Gas durch seine Leitungen. Im vergangenen Jahr ergänzte der Konzern, der dem niederländischen Staat gehört und zuletzt 1,3 Mrd. Euro umsetzte, seine Leitungen im Heimatland durch den Kauf des benachbarten nordwestdeutschen Netzes von BEB, einer Tochter von Shell und Exxon Mobil.

Gasunie steigt damit zu einem der größten Netzbetreiber in Deutschland auf und ist vor allem in einer strategisch wichtigen Region, in der Gas aus Norwegen und Russland eingespeist wird, tätig. Zum Kaufpreis äußerten sich die beteiligten Parteien zwar nie. Nach Angaben aus Branchenkreisen lag er aber deutlich über einer Mrd. Euro – womit die Transaktion eine der größten auf dem deutschen Energiemarkt der letzten Jahre war. Gasunie konnte sein 12 000 Kilometer langes Netz um 3 000 Kilometer ausbauen und die Durchleitung um fast ein Drittel auf 130 Mrd. Kubikmeter pro Jahr steigern. Gasunie ist zudem Mehrheitsaktionär der wichtigen Importleitungen BBL vom niederländischen Balgzand zum britischen Bacton und stieg jüngst mit neun Prozent in das Konsortium Nord Stream zum Bau der Ostseepipeline ein.

„Die Gasflüsse durch unsere Leitungen werden sich in den kommenden Jahren deutlich erhöhen“, ist Konzernchef Kramer überzeugt. Zum einen steige der Gasverbrauch in Europa, zum anderen sinke die Produktion in den niederländischen und britischen Gasfeldern. Damit steige der Importbedarf für Gas aus Russland und aus Norwegen – und die Durchleitung durch die von Gasunie betriebenen Leitungen.

Die Erwartungen decken sich mit Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA). Die Behörde rechnet damit, dass sich in Europa die Nachfrage nach Gas bis 2030 jedes Jahr im Schnitt um 1,4 Prozent erhöhen wird. Gleichzeitig wird sich die Gasproduktion in Europa pro Jahr im Schnitt um 0,9 Prozent verringern. Branchenexperten errechnen, dass sich schon im Zeitraum zwischen 2005 bis 2015 der Importbedarf in Westeuropa um 100 Mrd. Kubikmeter pro Jahr erhöht, allein Deutschland wird 16 bis 18 Mrd. Kubikmeter zusätzlich benötigen, Großbritannien sogar bis zu 70 Mrd. Kubikmeter, hinzu kommt der Bedarf der Benelux-Staaten.

„Aber auch das verflüssigte Erdgas LNG wird nach Westeuropa kommen – und in unser Netz eingespeist“, sagt Kramer. Damit entstehe eine zusätzliche Erlösquelle. Gasunie ist Aktionär des in Rotterdam geplanten Terminals Gate, an dem schon 2011 die ersten Tanker mit dem LNG anlanden sollen.

In Deutschland will sich das Unternehmen zunächst auf die Integration seiner neuen Tochter konzentrieren, die es im Juli formell übernommen hat. Kramer schließt aber eine weitere Expansion nicht aus. Eine günstige Gelegenheit könnte sich schon bald ergeben. RWE hatte jüngst der EU-Kommission zugesagt, sein Gastransportnetz zu verkaufen, damit die Behörde im Gegenzug laufende Kartellverfahren beilegt.

„Natürlich werden wir uns das RWE-Netz anschauen“, sagt Kramer. „Es ist unser Job, den gesamten Infrastrukturmarkt in Nordeuropa aufmerksam zu beobachten.“ Das RWE-Netz liege schließlich in der Nachbarschaft und habe einige Anbindungen. Noch aber habe der Verkauf nicht begonnen. Er rechnet aber mit einer regen Nachfrage. Dass es genügend Interessenten für Gasnetze gibt, habe Gasunie im Bieterverfahren für die neue deutsche Tochter gespürt. Ein gut geführtes Gasnetz sei schließlich ein gutes Geschäft, weil es einen langfristigen und stabilen Cash-Flow liefere.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%