Konzernkritiker Schweinle soll brisante Informationen weitergegeben haben
Ermittler kommen undichter Stelle bei Daimler näher

In der Affäre um Insiderhandel beim Autokonzern Daimler-Chrysler gibt es einen neuen Verdächtigen. Inzwischen ist der Spediteur Gerhard Schweinle in den Mittelpunkt der Ermittlungen der Staatsanwälte gerückt. Das erfuhr das Handelsblatt aus mit der Ermittlung vertrauten Kreisen.

hz/mm FRANKFURT. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wollte dazu keinen Kommentar abgeben. Schweinle bestätigte, dass seine Wohnung in der vergangenen Woche durchsucht wurde. Der Spediteur führt einen juristischen Feldzug gegen Daimler.

Den Anstoß für die Untersuchung von möglichem Insiderhandel vor dem überraschenden Rücktritt von Konzernchef Jürgen Schrempp Ende Juli hatte der Sprecher des Verbandes kritischer Daimler-Aktionäre, Jürgen Grässlin, gegeben. Grässlin versichert, er habe bereits zwölf Tage vor der offiziellen Meldung über den Führungswechsel Informationen über den Rückzug Schrempps erhalten. Außerdem hätten ein Daimler-Vorstand und eine weitere Führungskraft mit verbotenen Wertpapiergeschäften von dem massiven Kursanstieg nach Veröffentlichung der Spitzenpersonalie profitiert.

Seinen Verdacht teilte Grässlin auch der Finanzaufsicht mit, allerdings ohne den Namen seiner Quelle zu nennen. Darauf hin durchsuchte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft Privaträume und Büros von Daimler-Vorstand Rüdiger Grube und Kommunikationschef Hartmut Schick. Aber auch Grässlins Wohnung durchsuchten die Ermittler. Von dem kritischen Aktionär wollten die Staatsanwälte vor allem wissen, wer seine Quelle ist. Nicht nur der Handel mit Insiderinformationen ist eine Straftat, auch die unberechtigte Weitergabe von solchem Wissen wird verfolgt. Grässlin habe den Staatsanwälten Schweinle als Informanten über den Schrempp-Rücktritt und den Insiderhandel genannt, bestätigte ein Rechtsvertreter des Spediteurs dem Handelsblatt. Sein Mandant habe die Informationen wiederum von einer hochrangigen Quelle bei Daimler erhalten.

Schweinle war jahrelang einer der Hauptspediteure des Autobauers. Darüber hinaus erwarb er 1800 Mercedes-Pkw mit hohem Rabatt angeblich für das eigene Unternehmen und exportierte sie ins Ausland. In Zusammenhang mit diesen Graumarkt-Geschäften war er wegen Hinterziehung von Umsatzsteuer und Betrugs zu Lasten von Daimler vom Landgericht Stuttgart zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt worden, nach zwei Jahren aber vom Bundesgerichtshof wieder frei gesprochen worden, weil ihm ein Betrug nicht nachzuweisen war.

Schweinle zieht seitdem gegen Daimler zu Felde: Er stellte unter anderem Anzeige wegen Meineids gegen den designierten Daimler-Chef Dieter Zetsche, den damaligen Vertriebschef von Mercedes. Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt.

Die unter Insiderverdacht stehenden Daimler-Manager beteuerten am Wochenende ihre Unschuld. Grube versicherte, er habe weder selbst noch über Dritte Aktien vor der Rücktrittsankündigung erworben. Schick betonte, er habe „in den letzten 15 Jahren keine einzige Aktie gekauft.“ Grässlin und Schweinle wollen sich juristisch gegen die Durchsuchungen wehren.

Die Staatsanwälte vermuten, dass die Information über den Schrempp-Rücktritt vielen Personen in der Daimler-Führung unberechtigterweise über längere Zeit bekannt war. Nach Ansicht der Ermittler hätten die Information wohl wesentlich früher veröffentlicht werden müssen, weil sich die Hinweise auf den Rücktritt bereits bis zu fünf Wochen vor der Bekanntgabe verdichtet hätten. Nach dem Wertpapierhandelsgesetz müssen solche Informationen unverzüglich veröffentlicht werden.

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