Konzernstruktur in der Kritik: Ölriese Shell geht durch schwere Zeiten

Konzernstruktur in der Kritik
Ölriese Shell geht durch schwere Zeiten

Trotz eines Milliardengewinns sind die Investoren nicht zufrieden.

LONDON. Der Ölkonzern Shell steht vor einer grundlegenden Neuordnung seiner Konzernstruktur. Sir Philip Watts, Chairman der Royal Dutch/Shell Group, kündigte gestern bei der Vorlage der Jahresbilanz an, dass er dieses Thema in den kommenden Wochen mit Großinvestoren des niederländisch-britischen Konzerns besprechen werde. „Wir müssen ernste Gespräche mit unseren Aktionären beginnen“, sagte Watts, der in der Vergangenheit oft in die Kritik der Anleger geriet. Mit seiner Offensive räumte der Chairman erstmals ein, dass der Shell-Konzernaufbau aus dem Jahre 1907 „mit zwei Eltern und einem Geschäft“ nicht mehr zeitgemäß ist.

Shell wird zwar von einem Führungskomitee geführt, hat aber seit der Fusion vor fast einem Jahrhundert noch immer zwei Mutterkonzerne mit je einem Vorstand und ist sowohl in London als auch in Amsterdam gelistet. Aktionäre hatten eine Neuordnung des Konzerns gefordert, nachdem das Unternehmen Anfang Januar seine Ölreserven um 20 % reduzieren musste und dies einen massiven Kursrutsch auslöste.

Mit der Vorlage der jüngsten Jahresbilanz wollte Watts gestern eigentlich das Vertrauen der Anleger wiedergewinnen. Obwohl er mit einem Gewinn von 12,7 Mrd. $ eines der besten Ergebnisse der Konzerngeschichte vorlegen konnte, gelang ihm dies nicht: Der Shell-Kurs sank in London bis zum Nachmittag erneut um knapp 2 %.

Vor allem mit dem vierten Quartal hat Shell erneut enttäuscht: Während Marktführer Exxon und Konkurrent Chevron-Texaco beim Nettogewinn im Quartal kräftig zulegen konnten, blieb Shell im Jahresvergleich unter den Erwartungen der Analysten. Grund: Abschreibungen und Kosten für die Schließung einer Raffinerie. „Die Shell-Zahlen waren insgesamt nicht zufriedenstellend“, hieß es darum bei Merrill Lynch.

Da half es nicht, dass Konzernchef Watts seinen Bilanzauftritt mit einem ungewöhnlichen Schritt begann. In einer sehr persönlichen Erklärung wandte er sich an die Kritiker: „Ich weiß heute, dass es ein Fehler war, am 9. Januar (bei Bekanntgabe der korrigierten Ölreserven) nicht anwesend gewesen zu sein, und ich entschuldige mich dafür.“ Er habe daraus persönlich viel gelernt, und solch eine Panne werde es bei Shell nicht wieder geben.

Einen Rücktritt lehnte Watts jedoch erneut ab. „Ich bin willens und entschlossen in diesen harten Zeiten zu bleiben“, stellte der Manager klar. Sein Vertrag läuft noch bis Juni 2005. Er wolle seinem Nachfolger Shell „in einem besseren Zustand als heute“ übergeben, sagte Watts.

Allerdings ist der Ausblick des Shell-Chairman eher trübe: „Wir operieren weiterhin einem unsteten Umfeld.“ Die Öl- und Gasproduktion werde dieses Jahr stagnieren, 2005 sei mit einem Rückgang zu rechnen. 2003 war die Shell-Produktion bereits um 2 % auf 3,9 Millionen Barrel Rohöl am Tag gesunken.

Immerhin konnte Shell im abgelaufenen Jahr 98 % der verbrauchten Reserven durch neue Felder ersetzen. Zuvor hatte dieser wichtige Zukunftswert zum Teil nur bei 70 % gelegen. Dennoch kritisierten Analysten, dass Shell nun schon seit Jahren mehr fördere, als es an Reserven bilde. Von Wandel sei nichts zu sehen, sagte ein Analyst enttäuscht.

Auch das US-Geschäft von Shell entwickelt sich bisher langsamer als erhofft. Dennoch sei der Texaco-Zukauf dort ebenso wie die DEA-Übernahme in Deutschland strategisch richtig gewesen, verteidigte Watts seinen Kurs: „Amerika war zuvor ein schwarzes Loch auf unserer Landkarte, und mit DEA sind wir nun beim Benzin die Nummer Eins im größten Markt Europas.“

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