Kooperation mit Wettbewerbern
Siemens verstärkt den Kampf gegen Korruption

Intern hat Siemens die Aufarbeitung des Schmiergeldskandals fast abgeschlossen. Jetzt will der Konzern seine Wettbewerber und Auftraggeber dazu bringen, gegen Korruption vorzugehen. Derzeit versuchen die Münchener Bündnisse in einzelnen Branchen und für ausgewählte Projekte auf die Beine zu stellen. Darin sollen sich Behörden und Konkurrenten verpflichten, bestimmte Standards einzuhalten.

MÜNCHEN. „Wenn wir untereinander kooperieren, dann können wir Märkte in Richtung sauberes Geschäft verändern“, sagte Peter Solmssen, Rechtsvorstand von Siemens, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Amerikaner hat bereits Erfahrung mit diesem Vorgehen, das Fachleute als „Collective Action“ bezeichnen. Als er noch für den Rivalen General Electric (GE) gearbeitet hat, war Solmssen an einem Regelwerk des US-Branchenverbands Nema beteiligt. Darin haben sich 2004 Medizintechnik-Anbieter wie GE, Siemens, Philips und Toshiba verpflichtet, gewisse Standards zu befolgen. Seither ist es zum Beispiel verboten, die Kunden zum Golf einzuladen oder Geschenke zu machen. Um nicht in Kartellverdacht zu geraten, haben sich die Wettbewerber ihr Vorgehen von der Regierung genehmigen lassen.

„Die Erfahrungen aus Amerika sind sehr gut“, sagt Solmssen. Mitte Januar hat der Jurist gemeinsam mit Vorstandschef Peter Löscher deshalb hochrangige Siemens-Manager auf der ganzen Welt angeschrieben. Die Top-Leute sollten Vorschläge aus ihren Bereichen machen, wo solche Bündnisse möglich sind. 130 Projekte haben die Manager inzwischen auf den Tisch gebracht. Einen ersten Erfolg in einer Branche will Solmssen noch vor dem Sommer verkünden. Es gebe derzeit hochrangige Gespräche.

Siemens sieht sich seit seinem Schmiergeldskandal als Vorreiter in Sachen Korruptionsbekämpfung. Der Konzern hat allen Grund, das Thema ernstzunehmen: Nach eigenen Angaben sind in den Jahren 2000 bis 2006 insgesamt 1,3 Mrd. Euro in dunkle Kanäle geflossen. Mit Zahlung einer Milliardenbuße hat das Unternehmen die Korruptionsermittlungen gegen den Konzern in den USA und in Deutschland im Dezember beendet. Gegen die Verantwortlichen wird jedoch weiter ermittelt.

Nach Ansicht von Solmssen hätte es Siemens auch früher nicht nötig gehabt, die Einkäufer zu bestechen. Denn auch in den USA seien die Umsätze stark gestiegen, obwohl sich der Konzern den strengen Vorgaben der Nema unterworfen habe.

Bündnisse gegen Korruption gibt es nicht nur in Amerika. Auch die Ausschreibungen für den neuen Flughafen in Berlin laufen nach strengen Regeln, die vom Anti-Korruptionsverband Transparency International überwacht werden. In Indien gewann Siemens einen Auftrag als Lieferant für die Stromversorgung eines Stahlwerks. Für die Vertragsvergabe hatte die Steel Authority of India einen Integritätspakt aufgelegt, an den sich sämtliche Bieter zu halten hatten.

Der Münchener Konzern hat sich in den letzten zwei Jahren selbst strenge Regeln gegeben. Doch das Beispiel Siemens zeigt auch, wie schwierig solche Standards sind. Viele Mitarbeiter haben sich durch die Flut der Vorschriften bedroht gefühlt. Deshalb ist Solmssen zurückgerudert und hat die umfangreiche Regelsammlung entrümpelt. Gleichzeitig will er den Mitarbeitern die Angst nehmen: „Ein Fehler kann jedem passieren. Auch mir. Es nur kommt darauf an, wie man damit umgeht“, sagt der Manager. Er selbst habe sich vor einem Jahr bei einem Kauf von Siemens-Aktien vertan, dies aber sofort transparent gemacht.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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