Korruption in Deutschland
Siemens ist kein Einzelfall

In vielen Ländern läuft ohne Bestechung für Unternehmen nichts. In der Privatwirtschaft und beim Staat halten die entscheidenden Leute die Hand auf. Auch in Deutschland ist Korruption weiter verbreitet als die meisten denken. Der Fall Siemens bildet da nur die Spitze des Eisbergs.
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DÜSSELDORF. Zwei Wochen hat es gedauert, dann stellte sich Andy Mattes den deutschen Behörden. Der Mann arbeitet heute für den Computerhersteller Hewlett-Packard in den USA, bis vor eineinhalb Jahren war er Bereichsvorstand bei Siemens und dort für die Telekomsparte verantwortlich. Mattes ist einer der Hauptverdächtigen in dem Korruptionsskandal, der Europas größten Elektronikkonzern erschüttert. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft München haben es in sich. Vor vier Jahren soll Mattes gemeinsam mit einem weiteren Top-Manager eine Vollmacht unterzeichnet haben, mit deren Hilfe Mitarbeiter offenbar ein weitverzweigtes internationales Netzwerk aus Briefkastenfirmen und schwarzen Kassen aufbauten. Rund 200 Millionen Euro sollen sie zur Seite geschafft haben - um Schmiergelder für einen Großauftrag zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen zu zahlen.

Auch wenn der Fall weltweit für Schlagzeilen sorgt - eine Verurteilung des ehemaligen Siemens-Managers ist keineswegs ausgemacht. "Bei den meisten Fällen dieser Art in Deutschland werden die Ermittlungen über kurz oder lang eingestellt oder man einigt sich auf eine Geldbuße wegen einer Ordnungswidrigkeit", sagt Peter von Blomberg, Vizechef der Antikorruptions-Organisation Transparency International (TI). Grund: Die Gerichte in Deutschland sind schlicht überlastet. Und nicht nur dort: Seit einem Jahr schon schleppt sich die Anklage gegen zwei andere Siemens-Manager wegen Bestechung in Italien hin. Dabei geht es um Schmiergelder in Höhe von rund sechs Millionen Euro.

Vielen gilt Korruption noch immer als eine Art Kavaliersdelikt

Siemens ist kein Einzelfall. "Korruption ist in Deutschland alltäglich, der angerichtete Schaden immens", sagt der Frankfurter Oberstaatsanwalt und Korruptionsjäger Wolfgang Schaupensteiner. Bestechung und Korruption gibt es im öffentlichen Dienst ebenso wie in Unternehmen und an den Schnittstellen zwischen Staat und Privatwirtschaft. Beteiligt sind an den dunklen Geschäften mittelständische Unternehmen genauso wie Großkonzerne, kleine und mittlere Angestellte wie Führungskräfte und Vorstände.

Vielen gilt Korruption noch immer als eine Art Kavaliersdelikt. Denn geschmiert wird meist, um langwierige und bürokratische Genehmigungsverfahren bei Ämtern und Behörden abzukürzen, um Millionenaufträge an Land zu ziehen und somit Beschäftigung zu sichern oder um neue Märkte zu erschließen. Persönliche Bereicherung ist längst nicht immer das Motiv. In vielen Ländern der Welt stehen Unternehmen schlicht vor der Wahl: Nehme ich am System der Bestechung teil oder lasse ich andere das Geschäft machen und streiche den Markt von meiner Landkarte?

Zwar werden Korruptionsdelikte mittlerweile in vielen Ländern schärfer verfolgt und geahndet als vor Jahren. Auch in Deutschland. Nach Angaben des Bundeskriminalamts hat sich die Zahl der Korruptionsverfahren seit 1994 mehr als vervierfacht. TI hat aber herausgefunden, dass nur etwa fünf Prozent aller Fälle bekannt werden, auch die Schadenshöhe ist kaum zu beziffern. Und wenn ein Korruptionsfall doch einmal vor Gericht landet, ist eine Verurteilung selten.

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