Korruption
Schmieren gegen die Krise

Jeder vierte deutsche Angestellte findet Korruption in Ordnung, um in der derzeitigen Wirtschaftskrise an Aufträge zu kommen, fast jeder fünfte befürwortet dafür auch Geschenke oder teure Einladungen. Dies ist das Ergebnis der aktuellen Studie "Wirtschaftskriminalität in Europa" der Unternehmensberatung Ernst & Young (E&Y)

HB FRANKFURT. . Sie befragte insgesamt 2 200 Mitarbeiter in 22 europäischen Ländern, jeweils hundert pro Land. Allerdings liegen die Schmierwilligen aus Deutschland im europäischen Durchschnitt. Weit höher ist die Bereitschaft in Griechenland, der Türkei oder Tschechien.

"Wenn 25 Prozent der Befragten in Deutschland bereit sind, Geschäftspartner zu bestechen, dann müssen wir zusätzlich mit einer erheblichen Dunkelziffer rechnen", warnt Steffen Heißner, Forensik-Chef bei Ernst & Young. Experten schätzen diese bei Korruption auf bis zu 95 Prozent, und die jährlichen Schäden beziffert die Weltbank auf bis zu 1 000 Mrd. Dollar pro Jahr.

"Wie groß der Anteil deutscher Unternehmen daran ist, lässt sich nicht sagen", sagt Uwe Dolata, Korruptionsexperte beim Bund Deutscher Kriminalbeamter. Allerdings bemerkt auch er einen dramatischen Anstieg der Korruptionsneigung hiesiger Unternehmen. "Davon ist unter anderem die Autobranche betroffen, wie der Fall MAN gerade zeigt", sagt er. Das Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität des BKA bezifferte 2007 den Schaden durch Wirtschaftskriminelle in Deutschland auf 4,1 Mrd. Euro, jüngere Zahlen gibt es nicht.

Laut der E&Y-Studie rechnen fast zwei Drittel der deutschen Arbeitnehmer mit einem Anstieg der Korruption, obwohl 46 Prozent der Befragten berichten, dass ihr Unternehmen in den letzten Jahren stärker gegen Korruption vorgegangen sei. Allerdings bremsen derzeit die Datenskandale von Bahn und Telekom den Elan in Sachen Compliance. "Viele Vorstände sagen, wir machen zurzeit gar nichts, um nicht dieselben Probleme zu bekommen", berichtet E&Y-Mann Heißner.

Vor allem die Angst vor dem Jobverlust treibt laut Studie die Zahl der Fälle von Wirtschaftskriminalität nach oben. Fast 80 Prozent der Befragten gaben an, dass Entlassungen die Moral der Belegschaft untergrüben, bei Fusionen und Übernahmen waren es 84 Prozent. Das deckt sich mit der jüngsten Erhebung der Association of Certified Fraud Examiners (ACFE).

Die dort organisierten rund 400 deutschen Forensiker und Unternehmens-Sicherheitschefs berichten von steigenden Fallzahlen seit Beginn der Wirtschaftskrise. "Viele, die wir in letzter Zeit erwischt haben, hatten Angst um ihren Job und wollten mitnehmen, was sie kriegen konnten", berichtet der Sicherheitschef eines europäischen Einzelhandelskonzerns. Mehr "Krisentäter", die durch drohenden Jobverlust und drückende Schulden kriminell werden, prognostiziert auch der Leipziger Strafrechtler Hendrik Schneider.

Besonders gefährdet sind laut E&Y Vertrieb und Einkauf. Da bucht der Manager der Auslandstochter Aufträge, für die es noch nicht einmal einen Vertrag gibt, da versucht der Zulieferer den Einkaufschef mit Geld und Geschenken gnädig zu stimmen. Und immer stinkt der Fisch vom Kopf: Wenig Vertrauen haben die Beschäftigten zu ihren Vorgesetzten. Jeder vierte fordert stärkere staatliche Kontrollen, fast jeder zweite glaubt, dass es Manager in Krisenzeiten mit Compliance nicht so genau nehmen, 59 Prozent trauen ihren Bossen Betrug am ehesten zu, und mehr als ein Drittel will, dass die Geschäftsleitung bei Wirtschaftkriminalität persönlich haftet.

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