Korruptionsvorwürfe
Alstom fühlt sich zu Unrecht beschuldigt

Der französische Industriekonzern Alstom wehrt sich mit allen Mitteln gegen Vorwürfe, ähnlich wie Siemens systematisch Schmiergelder gezahlt zu haben. Schweizer Behörden werfen dem Hersteller von Kraftwerken und Zügen indes vor, ihre Ermittlungen zu behindern.

LONDON. Alstom kooperiere nicht und verlange, bei Hausdurchsuchungen sichergestellte Akten zu versiegeln, berichten die zuständigen Schweizer Behörden. Auf Berichte des „Wall Street Journal“ über die Ermittlungen reagierte Alstom mit der Ankündigung, die Zeitung zu verklagen.

Vorstandschef Patrick Kron stellte im Gespräch mit dem Handelsblatt klar, dass er den Konzern zu Unrecht verdächtigt sieht. Alstom sieht sich allenfalls als Opfer unlauterer Machenschaften früherer Angestellter. Von Verstößen gegen internationale Handelsregeln sei nichts bekannt.

Die Ermittlungen Schweizer Behörden verfolgen derzeit nach Angaben einer Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Bern drei Stränge. Als erstes verdächtigen sie Franzosen aus dem Umfeld des Alstom-Konzerns der Bestechung ausländischer Amtsträger und Funktionäre sowie Geldwäsche im Zusammenhang mit Infrastruktur-Aufträgen aus Südamerika und Asien. Diese Untersuchung läuft in Kooperation mit Behörden in Frankreich und Brasilien und bezieht sich auf Vorgänge aus den Jahren 1998 bis 2003. Ein zweiter Ermittlungsstrang richtet sich gegen einen Schweizer Staatsbürger, der zum Teil daran beteiligt gewesen sein soll.

Die dritte Linie, die die Schweizer Ermittler verfolgen, ist die zur Schweizer Alstom-Tochter Alstom Prom AG. Im Zuge umfangreicher Razzien am 21. August durchsuchten sie unter anderen die Räume des Unternehmens und nahmen einen ehemaligen Alstom-Angestellten in Untersuchungshaft. Dabei gehe es um verdächtige Zahlungen im mehrstelligen Millionenbereich ab dem Jahr 2000, wie die Behördensprecherin sagte. Sie wollte sich aber nicht zu einem Bericht des „Wall Street Journal“ äußern, wonach die Zahlungen noch bis in den Juni des laufenden Jahres hineingereicht haben sollen.

Trotz der Beteuerungen, alle Vorwürfe aufklären zu wollen, hat sich Alstom bisher offenbar nicht bereitgefunden, mit der Berner Bundesanwaltschaft zu kooperieren. Alstom habe verlangt, sichergestellte Akten zu siegeln, sagte die Behördensprecherin. Diese könnten deshalb zurzeit nicht ausgewertet werden. Ob sich Alstom-Mitarbeiter in Befragungen kooperativ verhielten, müsse sich noch zeigen.

An seit Juni laufenden Ermittlungen in Frankreich wegen Veruntreuung nimmt Alstom hingegen sogar als Nebenkläger teil. Sie richten sich gegen einen ehemaligen Berater des Konzerns, Michel Mignot. Er wird verdächtigt, Hunderttausende Euro an Schmiergeldzahlungen über ein Schweizer Konto an Marketing-Verantwortliche in Asien und Südamerika geleitet zu haben. Alstom sieht darin einen möglichen Fall von Unterschlagung zum Nachteil des Konzerns.

Alstom-Chef Patrick Kron äußert sich befremdet darüber, in welchem Ausmaß die Schweizer Justiz die Medien über die Ermittlungen informiert. Der Konzern droht sogar mit rechtlichen Schritten gegen die Schweizer, weil sie vertrauliche Informationen über laufende Ermittlungsverfahren an Journalisten weiterleiteten. Einen Bericht des „Wall Street Journal“ vom 15. September sieht die französische Gruppe als Rufschädigung. In einer Pressemitteilung stellt sie kryptisch „die Motivation derjenigen, die den Artikel inspiriert haben“, in Frage. Was damit gemeint ist, wollte Kron im Gespräch nicht weiter ausführen.

Während Siemens auf Vorwürfe massiver Schmiergeldzahlungen mit einer unabhängigen Ermittlung und einer gründlichen Aufräumarbeit reagierte, zieht sich Alstom also in eine Wagenburg zurück.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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