
DÜSSELDORF. Deutschlands Großkonzerne verschärfen trotz konjunktureller Erholung ihren Sparkurs. Allein die aktuellen Sparprogramme der 30 Dax-Konzerne belaufen sich nach Berechnungen des Handelsblatts auf mindestens 23 Mrd. Euro. Das entspricht rund 70 Prozent der Summe, die die Unternehmen Schätzungen zufolge im Jahr 2009 verdient haben. Am Dienstag kündigte auch der Siemens-Konzern auf seiner Hauptversammlung an, die Kosten weiter zu drücken. Obwohl das Unternehmen im ersten Geschäftsquartal einen überraschenden Gewinnanstieg erzielte, hält Vorstandschef Peter Löscher Personaleinschnitte in schwächeren Geschäftsfeldern für unvermeidbar. Die Siemens-Aktie legte am Dienstag über fünf Prozent zu.
Der Münchener Technologieriese stellte die Anhebung seiner Ergebnisprognose für das laufende Geschäftsjahr (zum 30. September) in Aussicht. Die Prognose stehe auf dem Prüfstand, sagte Löscher. Denn im ersten Vierteljahr erreichte Siemens gut ein Drittel des bisherigen Jahresziels von bis zu sechs Mrd. Euro. So kletterte das Ergebnis in den drei Kernsektoren Industrie, Energie- und Medizintechnik im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent auf 2,3 Mrd. Euro. Der Umsatz brach im selben Zeitraum um zwölf Prozent auf 17,4 Mrd. Euro ein. Siemens hatte bereits vor der Krise den Abbau von mehr als 17 000 Stellen vor allem in der Verwaltung angekündigt.
Wie das Handelsblatt aus Unternehmens- und Finanzkreisen erfuhr, dürften auch der Software-Konzern SAP, die Deutsche Telekom und die Deutsche Post bei der Präsentation ihrer Jahresergebnisse neue Sparprogramme verkünden. Ende 2008 hatte SAP erstmals in seiner Firmengeschichte ein Sparprogramm und den Abbau von 3 700 Stellen verkündet. Die Deutsche Post versprach mit ihrem 2008 gestarteten Programm "Index", bis Ende 2010 die indirekten Kosten um 15 Prozent oder eine Mrd. Euro zu senken. Dabei geht es unter anderem um Reise-, Marketing- und IT-Kosten. Dieses Ziel wurde bereits Ende 2009 erreicht.
Aufgrund der Kostendisziplin der Unternehmen rechnen Analysten nach Angaben des Finanzdatenspezialisten Factset damit, dass die Nettogewinne in diesem Jahr um mehr als 30 Prozent steigen - obwohl die Umsätze kaum anziehen. Ein Dutzend der 30 Dax-Konzerne dürfte sogar schon wieder so viel verdienen wie zu Rekordzeiten.
Mehr als die Hälfte aller Dax-Konzerne hatte bereits 2009 auf die Wirtschaftskrise mit umfangreichen Sparprogrammen reagiert. Viele Unternehmen haben ihre eigenen Vorgaben inzwischen erfüllt, oftmals sogar vorzeitig. So sparte die Telekom mit ihrem Programm "Save for Service" nach eigenen Angaben 5,4 Mrd. Euro ein. Das Ziel lag bei 4,7 Mrd. Euro.
Mit radikalen Kostensenkungen schafften es im Krisenjahr 2009 voraussichtlich fast alle Konzerne, trotz großer Umsatzeinbußen Gewinne zu erwirtschaften. Nur die Commerzbank, Daimler, Infineon, die Stahlkonzerne Salzgitter und Thyssen-Krupp sowie die Lufthansa machen Verluste. "Sparen versetzt die Konzerne in die Lage, ihre Margen zu halten, und bringt ihnen ein kräftiges Gewinnplus, sobald die Umsätze nur leicht zulegen", sagt Michael Köhler von der Landesbank Baden-Württemberg.
Weltweit kompensiert Sparen schwache Nachfrage
Weltweit kompensieren die Konzerne derzeit mit drastischen Kostensenkungen die schwache Nachfrage. Der IT-Riese IBM reduzierte im abgelaufenen Geschäftsjahr seine Ausgaben um 3,7 Mrd. Dollar und verschaffte sich so trotz eines nur geringen Umsatzwachstums einen kräftigen Gewinnsprung. Nach Auffassung von ING Investment Management dürften 2010 die großen europäischen Firmen bei einem allenfalls fünf prozentigem Umsatzwachstum ihre Gewinne um mindestens 30 Prozent steigen. Als Hauptgrund benennen die Experten umfangreiche Kostensenkungen. Einen sich selbst tragenden Aufschwung sei vor 2011 oder gar 2012 jedoch nicht in Sicht.
Wie die großen Konzerne ihre Gewinne steigern
Wer das Potenzial der Unternehmen an ihren Umsätzen bemisst, braucht einen langen Atem. Denn dann benötigen die Konzerne bei moderater Konjunkturerholung noch drei bis vier Jahre, ehe sie angesichts der schweren Einbrüche wieder das Niveau aus alten Boomzeiten erreichen. Darauf deuten die gegenwärtige Industrieproduktion und Auftragseingänge hin.
Viel besser sieht es allerdings bei den Nettogewinnen aus, der maßgeblichen Größe an den Finanzmärkten. Hier winken den 30 größten deutschen börsennotierten Konzernen schon in diesem Jahr satte Zuwächse von durchschnittlich gut einem Drittel. Darauf deuten die Zahlen des Finanzdatenspezialisten Factset hin, wo die Schätzungen der Experten aller großer Bankhäuser zusammen. Spätestens 2011 rücken demnach sogar die Rekordzahlen von 2007 und 2008 wieder in greifbare Nähe.
Die Firmengewinne steigen in diesem Jahr wieder kräftig
Bereits im laufenden Jahr wird ein Dutzend Dax-Konzerne so viel wie noch nie oder zumindest fast so viel wie in den Boomzeiten verdienen. Analysten erwarten dies unter anderem für die Energieriesen Eon und RWE, den Softwareanbieter SAP, den Kosmetikhersteller Beiersdorf und sogar für die konjunkturell schwankungsvolleren Industriekonzerne Siemens und Linde.
Grund für die Diskrepanz zwischen Umsatz und Gewinn sind umfangreiche Sparprogramme der Dax-Konzerne. Wenn sie erfolgreich greifen, dann steigen die Firmengewinne kräftig, auch wenn die Aufträge nur wenig zulegen. "Die vielen umfangreichen Sparprogramme federn die Krise massiv ab", sagt der Chefvolkswirt der Hamburger Privatbank M. M. Warburg, Carsten Klude.
Schon zu Beginn der letzten konjunkturellen Aufwärtsphase 2004 reichten den Unternehmen geringe Umstatzanstiege, um die Gewinne förmlich explodieren zu lassen. Gründe dafür waren die niedrige Ausgangsbasis, nachdem die Erträge um mehr als 50 Prozent eingebrochen waren, zum anderen aber auch Kostensenkungen. Beinahe alle Firmen weiteten damals ihre Produktion in Niedriglohnländern aus, schlossen unrentable Standorte und strafften die Arbeitsprozesse besonders in der Verwaltung, also in der lohnintensiven Heimat.
Lange Zeit schien dies ein einmaliger Kostenvorteil zu bleiben, weil sich Kosten nicht dauerhaft und in jeder Krise massiv senken lassen - so die Vorstellung. Doch tatsächlich intensivieren die Unternehmen in dieser Krise ihre Ausgabenkürzungen sogar noch. Gegenwärtig laufen nach Recherchen des Handelsblatts bei 15 Dax-Konzernen Sparprogramme von zusammen 23 Mrd. Euro. Die übrigen Firmen sparen zwar auch, vermeiden aber den Begriff und konkrete Sparziele.
Bei BASF werden frei werdende Arbeitsplätze nicht wieder besetzt
Den dicken Rotstift zückten die Unternehmen, als die Bankenkrise im vierten Quartal 2008 die Realwirtschaft voll erfasste und die Erträge mit einem Mal wegbrachen. Der weltgrößte Chemiehersteller BASF stoppte damals sein eigentlich bis Ende 2010 fixiertes Aktienrückkaufprogramm in Höhe von drei Mrd. Euro und kündigte stattdessen die Initiative "Next" an. Mit ihr soll sich der Gewinn bis 2012 um eine Mrd. Euro erhöhen. Dabei fallen weltweit 1 000 Arbeitsplätze weg. Das ist jeder hunderste Job. Konzernchef Jürgen Hambrecht hofft, dieses Ziel durch Fluktuation zu erreichen, indem BASF frei werdende Arbeitsplätze nicht wieder besetzt. "Next" erfasst alle Regionen, Bereiche und Funktionen.
Auch beim Gasespezialisten Linde liegen die Zeiten des üppigen Geld Ausgebens und Sparens eng beieinander. Kaum war der britische Wettbewerber BOC für zwölf Mrd. Euro gekauft und halbwegs integriert, legte Linde ein Kostensenkungsprogramm auf. Mit HPO (High Performance Organisation) will Linde seine Produktivität erhöhen und innerhalb von vier Jahren 650 bis 800 Mio. Euro sparen.
Hintergrund ist, dass Linde seinen Umsatz eigentlich Jahr für Jahr um acht Prozent und das operative Ergebnis gar um zehn Prozent verbessern will. Doch das liegt angesichts des weltweiten Nachfrageeinbruchs in weiter Ferne. Geringere Kosten führen immerhin dazu, dass die Nettogewinne und Margen einigermaßen stabil bleiben. Schon in diesem Jahr dürfte Linde unter dem Strich wieder fast so viel verdienen wie im Rekordjahr 2008.
Henkel strich in einem Boomjahr 3 000 Arbeitsplätze
Viel Kritik hatte sich der Waschmittelkonzern Henkel im konjunkturellen Boomjahr 2007 eingehandelt. Denn ausgerechnet das Rekordergebnis verband der damals scheidende Vorstandschef Ulrich Lehner mit dem drastischsten Sparprogramm in der Firmengeschichte. 3 000 der 52 000 Arbeitsplätze wurden gestrichen. Von "kapitalistischer Logik" und dem Ausverkauf traditioneller Familienwerte war damals die Rede. Tatsächlich versetzte das früh aufgelegte Kostensenkungs-Programm Henkel in die Lage, schon auf dem Höhepunkt der Krise 2008/09 und nicht erst beim Wiederanspringen der Konjunktur zu sparen. Das nicht nur für den neuen Henkel-Chef Kasper Rorstedt erfreuliche Ergebnis ist, dass auch Henkel 2010 wieder so viel verdienen dürfte wie zu Rekordzeiten.
Von solchen Profiten ist der im Gesamtjahr 2009 defizitäre Autobauer Daimler weit entfernt. Immerhin, im dritten Quartal überraschten die Stuttgarter mit einem Minigewinn von 56 Mio. Euro, nachdem die Autokrise im ersten Halbjahr noch einen Verlust von 2,3 Mrd. Euro beschert hatte. Ausschlaggebend war das im Mai begonnene Sparprogramm. Es reduzierte die Kosten um 3,5 Mrd. Euro. Der schwer von der Krise getroffene Lkw-Hersteller MAN rettete sich trotz eines Nachfrageeinbruchs von bis zu 50 Prozent durch Sparen und Kurzarbeit sogar im Gesamtjahr in die schwarzen Zahlen.
Doch nicht nur konjunkturempfindliche, auch weitgehend-resistente Konzerne sparen. Der Energieriese Eon will seine Kosten von 2011 an jährlich um 1,5 Mrd. Euro senken. Vornehmlich will Eon Doppelarbeiten vermeiden, also etwa den Strom- und Gasvertrieb künftig zusammenzufassen und den Kraftwerksbau zu standardisieren. Auf Entlassungen verzichtet Eon.
Sparkurse gehen immer zu Lasten von Mitarbeitern = Menschen.
Siemensprodukte kaufen keine Siemensprodukte.
Menschen mit Geld kaufen Siemensprodukte.
Also : in Zukunft noch mehr "Aufschwung" durch Entlassungen.
Ein geniales Konzept - das macht nicht nur Siemens so.
Wofür braucht man Arbeit verrichtende Menschen ?
Hauptsache das Fiat-Money stimmt !
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